Weilers Kampf mit dem bürgerlichen Literaturtheater

Susanne Berckhemer als Gaby und Patrick O. Beck als Wadzek, Foto von Martin Kaufhold
Susanne Berckhemer als Gaby und Patrick O. Beck als Wadzek, Foto von Martin Kaufhold
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Wadzeks Kampf mit der Dampfturbine

Alfred Döblin, in einer Bearbeitung von Hannes Weiler
Premiere: 2. Juni 2017, Theater am Bismarckplatz
Regie: Hannes Weiler – Dramaturgie: Meike Sasse – Bühne: Florian Dietrich – Kostüme: Bettina Werner – Video: Hannes Weiler – Live-Kamera: Melanie Klos – Mit: Patrick O. Beck, Susanne Berckhemer, Gunnar Blume, Frerk Brockmeyer, Silke Heise, Franziska Sörensen

 

Worum gehts oder nicht oder was:

Dass Regensburg nicht der Ort ist, an dem man sich volle Lotte in postdramatische Experimente wirft, ist klar. Ist klar? Klar. Gar nicht klar.

Hannes Weiler, der in Regensburg bisher am Haidplatz „bash“ von Neil LaBute und „Die lächerliche Finsternis“ von Wolfram Lotz inszenieren durfte, wurde diesmal mit einer Romanadaption am großen Haus am Bismarckplatz betraut. „Wadzeks Kampf mit der Dampfturbine“ ist ein Frühwerk von Alfred Döblin, dem Meister des Großstadtromans. Döblin hat das simultane Erzählen erfunden, beim Lesen von „Berlin Alexanderplatz“ entsteht das Stimmengewirr und der chaotische Krach Berlins im Kopf des Lesers. Weiler übersetzt diese Erzähltaktik Döblins nun auf die Bühne – wir kriegen nicht alles mit in den verwinkelten Aufbauten der Drehbühne (Florian Dietrich), einige Szenen sind nur via Livekamera zu sehen. Und sehen, das kann man in dieser Inszenierung genug, dafür gibt es weniger zu verstehen, und das ist volle Absicht. Wer hier psychologisches Einfühlungs- und Literaturtheater erwartet, womöglich eine werktreue Inszenierung von Döblins Text, der wird bitter enttäuscht. Hannes Weiler hätte möglicherweise genauso gut Die Drei Kleinen Bären oder Hanni und Nanni als Grundlage dieses Abends hernehmen können. Aber macht das einen Unterschied? Nicht im Geringsten. Übersetzung der literarischen Vorlage unter Beachtung der Textdominanz war gestern. Hannes Weiler steht offenbar mehr auf Castorf und Pollesch und so, wie Wadzek am technischen Fortschritt verzweifelt, arbeitet sich Weiler am bürgerlichen Theater ab.

„Ich zieh mir nur rasch den Heuhaufen hier über, dann kanns losgehen“

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Foto von Martin Kaufhold

Die Schauspieler und ihr Regisseur haben hier einen Versuchsaufbau geschaffen, in dem alle Figuren wie unter einem Brennglas stehen – alles ein bisschen größer, alles ein bisschen wahnsinniger als man es in Regensburg gewöhnt ist. Und eine formvollendete Absage an Schillers Schaubühne und an die bürgerlichen Rezeptionshaltung. Die Bühne als moralische Anstalt? Als Bildungsanstalt gar? Oder als Ort der ästhetischen Vermittlung? Ha! Pustekuchen. Weiler entledigt sich dieses Korsetts innerhalb der ersten Momente seiner Inszenierung. Seine Truppe brüllt, quiekt, rennt, säuft, raucht und frisst sich durch den Abend, dass man gar nicht mehr weiss, wo oben und unten ist. Absurde Dialoge und minutenlange repetitive Szenen, die sich mit stakkatoartigen Wortsalven abwechseln, völlig überzeichnete Vorgänge und brachialer Klamauk, physical theatre und clowneske Elemente – die Schauspieler feiern ein ekstatisches (danke für die Wortkorrektur Doris!) Feuerwerk des Scheiterns ihrer Figuren ab. Dass wir uns zu keiner Sekunde in die Figuren einfühlen und in maximaler Distanz das Treiben genüßlich hinnehmen können, ist dabei Kalkül. Wer auf Schiller scheisst, kann sich von Aristoteles und Lessing gleich mit freimachen. Das Mitleiden und der Schauer, der beim Ansehen tragischer Figuren auf der Bühne zu einer Reinigung des eigenen Seelenchaos führen soll – das ist Weiler als Zweck der Veranstaltung herzlich egal. Offenbar wird hier eher das Karnevaleske von Bachtin, das Animalische und Grausame im Komischen, zum prägenden Stilelement ausgerufen. Nicht umsonst läßt Weiler seine Hauptfigur das Ende der Tragödie und die inhärente Sinnlosigkeit, einer Theaterfigur beim Scheitern zuzusehen, proklamieren. Überhaupt, Hauptfigur. Patrick O. Beck spielt seinen Wadzek so fulminant, mit so einer Hingabe zum Körpertheater und der Clownerie, dass man ihn aus Regensburg gar nicht weglassen möchte – dieser Wadzek ist seine Rolle und Weiler holt aus ihm raus, was rauszuholen ist. Beck und Gunnar Blume, der mit einer ebenso hohen Energie auf der Bühne unterwegs ist, ergänzen sich hier perfekt und auch der Rest der Bande (Susanne Berckhemer, Franziska Sörensen, Silke Heise und Frerk Brockmeyer) läßt sich sichtlich auf Weilers Regiezugriff ein.

 

Wer geht da rein:

Als Zuschauer ist es nicht verkehrt, sich mit Verve und einer gewissen Lockerheit dem Abend zu nähern. Man muss alles über Bord werfen, was man als Zuschauer zu wissen meint – wie man Theater interpretiert, was einem die Geschichte erzählen will, und alles über die Ernsthaftigkeit der quasi-heiligen Bühne. Wer ab und zu nach München, Berlin oder Dortmund ins Theater fährt, wird sich hier ohne Zweifel leichter tun. Das hier ist eher Theater für das furchtlose Klientel unter 50, zugegeben. Aber in jedem Fall ein Abend, der für reichlich Diskussionsstoff beim Bier danach sorgt. Und für spontane Lachflashs auf dem Weg nach Hause: Susanne Berckhemer, die sich ihren Polizistenschnurrbart mitten im Satz auf die Stirn klebt. Gunnar Blume, der volle Lotte mit einem BMX-Bike in einen Haufen Kartoffeln fährt. Silke Heise in diesem absurden Fat Suit (Kostüme: Bettina Werner). Franziska Sörensen, die im Keller einen Pfau isst. Frerk Brockmeyer der völlig durchnässt unter der Dusche noch nicht aufhört zu reden.

Wer sich den Wahnsinn geben will, hat dazu noch sage und schreibe zweimal die Gelegenheit dazu, am 7.7. 2017 und 12.7.2017 – möglicherweise hat das Theater Regensburg hier völlig unnötig ein bisschen Schiß vor der eigenen Courage bekommen und deshalb nur insgesamt vier (!) Termine angesetzt. Also rein da, so schnell werdet ihr sowas in Regensburg nicht mehr zu sehen kriegen.

 

 

#BerlinerWeisseMitStrohhalmTrinkenNurTouris #EinBriefAnMeinerHoseWieKommtDennDerDahin #PaulineWillEinAuto #KriegInReinickendorf #WadzeksKampfMitDemPinkenStuhl

3 thoughts on “Weilers Kampf mit dem bürgerlichen Literaturtheater

  1. Liebe Tina, alles klar soweit- n u r: im Eifer des Gefechts und wahrscheinlich angesteckt von Wadzek schreibst Du „extatisch“. Da ich Schiller und ähnlichen Typen etwas nahestehe kömmt es mir so vor als müsse es ekstatisch heißen……liebe Grüße und bis bald mal wieder! Doris

    1. Liebe Doris, danke für die Korrektur! Hab ich gleich geändert. So ist das mit der Ekstase, manchmal schreibt man sich in eine rein… 😀 LG, Tina

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