Märchenprinz? Fairytale gone bad…

DIE SCHAUKEL: Stephan Hirschpointner, Marcel Klein, Franziska Plüschke, Ludwig Hohl, Johannes Lukas - Foto: Jochen Quast
DIE SCHAUKEL: Stephan Hirschpointner, Marcel Klein, Franziska Plüschke, Ludwig Hohl, Johannes Lukas - Foto: Jochen Quast
facebooktwittergoogle_plusredditpinterestlinkedinmail

Die Schaukel

Edna Mazya, Deutsch von Ruth Melcer

Regie: Maria-Elena Hackbarth – Dramaturgie: Daniel Thierjung – Ausstattung: Britta Langanke – Musik: Christian Kuzio – Mit: Franziska Plüschke, Stephan Hirschpointner, Marcel Klein, Ludwig Hohl, Johannes Lukas

Premiere: 29. April 2017, Junges Theater Regensburg

 

Worum gehts?

Leonie ist 14 Jahre und 10 Monate. Eines Tages ist sie allein auf dem Spielplatz, bis Maximilian, Niklas, Jonas und Alex vorbeikommen. Vier Jungs aus ihrer Schule, alle um die 18. In Niklas ist Leonie schwer verschossen, aber das soll der natürlich nicht wissen. Maximilian hingegen kann sie nicht leiden und ahnt nicht, dass der bis über beide Ohren in sie verliebt ist. Was ein lustiger Nachmittag unter Teenies hätte werden können, gerät plötzlich in ganz andere Bahnen. Die Jungen vergewaltigen Leonie. Das Stück der israelischen Autorin Edna Mazya erzählt die Geschichte in Rückblenden aus dem Gerichtssaal, in dem der Prozess stattfindet.

Was passiert?

Es braucht keine Berichte von US-amerikanischen Colleges oder aus anderen Kulturkreisen, um zu verstehen was „rape culture“ bedeutet. Die Vorstellung, dass eine Frau, wenn sie vergewaltigt wird, daran irgendwie schon auch so ein bisschen selbst schuld ist, findet man auch in niederbayerischen Wirtshäusern. Vielleicht war der Rock zu kurz und warum war die überhaupt allein unterwegs? Oder aber: Eigentlich war es ja gar keine Vergewaltigung, vielleicht wollte sie es ja auch so; man hat da ja schon so Geschichten von der gehört, nur Gerüchte natürlich, aber die scheint ja doch schon öfter mal mit dem ein oder anderen… die ist halt so eine…
Ansichten, die nach tiefstem Mittelalter klingen? Ein paar Klicks in den sozialen Netzwerken genügen, um deutlich zu machen, dass derlei keineswegs der Vergangenheit angehört. Vor diesem Hintergrund bewegt sich auch die „Nein heißt nein“-Kampagne, die sich unter anderem gegen diese Form des victim blaming richtet.

Kein einfaches Pflaster also, das sich Maria-Elena Hackbarth mit dem Stück „Die Schaukel“ von Edna Mayza ausgesucht hat. Umso erfreulicher, dass sie es mit dieser Inszenierung schafft, kein Spektakel des Mitleids und der Rührseligkeit zu veranstalten. Leonie, gespielt von Franziska Plüschke, ist das Opfer einer Straftat. Daran besteht kein Zweifel – doch hier ist die Geschichte nicht zu Ende erzählt. Sondern sie beginnt damit erst. Hackbarth sucht nach den Dynamiken und Ursachen, die zu diesem Verbrechen führen. Feinfühlig und mit sicherem Gespür für die Psychologie der Figuren werden die Rollen aller Beteiligten hinterfragt. Dabei gelingt es ihr, Leonie nicht in einer passiven Opfersituation zu belassen, sondern auch ihr Verhalten kritisch zu beleuchten – aber eben ohne ihr eine Mitschuld an dem, was ihr widerfährt, zu geben.

Dass diese Gratwanderung glückt, ist neben dem unaufgeregten Regiezugriff vor allem auch dem Ensemble zu verdanken, das bei der Premiere zurecht lautstarken Applaus erhielt. Man nimmt ihnen die Jugendlichen, die hier in den Strudel aus Machtspielen und Imponiergehabe geraten, ab. Es gibt sogar Stellen, an denen gelacht werden kann, etwa wenn der in den letzten Wochen zur Bad-Taste-Berühmtheit gelangte Song von KLUBBB3 (feat. Gloria von Thurn und Taxis) eingespielt wird. Genau diese scheinbare Normalität macht aus „Die Schaukel“ eine nahezu schmerzhafte Theatererfahrung: Gerade weil man weiß, wie das zunächst harmlose Genecke schließlich endet, erkennt der Zuschauer – im Gegensatz zu Leonie – die Manipulation, die vor allem von Niklas ausgeübt wird. Er ist es, der sie am Ende zwar nicht vergewaltigt und daher auch straffrei bleibt, der aber aufgrund der psychischen Gewalt, die er ausübt und die zum Auslöser der Tat wird, ebenso schuldig ist.

Franziska Plüschke spielt die Hauptrolle mit aggressiver Energie und gleichzeitig intensiver Sensibilität, die die Naivität und Abgründigkeit der Figur zum Ausdruck bringen. Stephan Hirschpointner, Marcel Klein und Ludwig Hohl aus dem Ensemble des Jungen Theaters sowie Gastschauspieler Johannes Lukas treten als die Vergewaltiger auf – und sind doch viel mehr als das: Ohne ihre Schuld in Frage zu stellen wird deutlich, unter welchem Druck sie stehen. Das Stück referenziert von Anfang bis Ende auf Geschlechterstereotype: Männer haben hart und rau zu sein, Frauen sexy und angepasst. Wenn Leonie den Jungs einen Tanz vorführt, hat das nichts mit Sport oder Akrobatik, sondern eher mit einem Porno zu tun, und für Maximilian ist es die größte Demütigung, wenn er gefragt wird, ob er ein Mädchen sei und gerade seine Tage habe. Unterstützt wird diese soziokulturelle Ebene durch das Bühnenbild von Britta Langanke, das nicht nur viel Bewegung zulässt, sondern mit den leuchteklame-artigen Werbebildern von männlichen Six-Packs und lasziven Unterwäscheschönheiten auch die mediale Kopiervorlage illustriert.

Man merkt dem Abend den unbedingten Willen, nicht moralisch belehrend zu sein, an – und das ist gut so. Dies misslingt an einigen Stellen, was wohl der Stückvorlage geschuldet ist: In den Gerichtsszenen, vor allem beim Schlussplädoyer der Anklägerin, wirkt der Text zu erklärend, zu sehr nach Schulstunde. Zudem wird deutlich, dass es sich nicht um einen deutschen Originaltext handelt: Die Art und Weise, wie Prozess, Verteidigung und Anklage gezeichnet werden, erinnert eher an eine amerikanische Gerichtsserien. Zu reißerisch ist das Kreuzverhör und stört das ansonsten stimmige Konzept. Dies ist allerdings verschmerzbar, weil in diesen Szenen – wenn auch textlich wenig subtil – sexuelle Belästigung (zwischen Anklägerin und Anwälten) nochmals thematisiert wird und ein Verweis stattfindet von der reinen „Jugendebene“ hin in die Erwachsenenwelt.

Was bleibt?

„Die Schaukel“ – Das ist eine Stunde Theater, die weh tut. Eine schreckliche Geschichte in einer schrecklich guten Inszenierung.

#Höhenflüge #BlutanseinenHänden #Märchenprinz