Aus der Tiefe der Vergangenheit

"Bilder von uns" von Thomas Melle, in der Inszenierung von Charlotte Koppenhöfer am Theater Regensburg. Im Bild: Franz Josef Strohmeier als Jesko Drescher, Silke Heise als seine Frau Bettina. Bildrechte: Theater Regensburg
"Bilder von uns" von Thomas Melle, in der Inszenierung von Charlotte Koppenhöfer am Theater Regensburg. Im Bild: Franz Josef Strohmeier als Jesko Drescher, Silke Heise als seine Frau Bettina. Bildrechte: Theater Regensburg
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Bilder von uns

Thomas Melle
Premiere: 23. April 2017, Theater am Haidplatz
Regie: Charlotte Koppenhöfer – Ausstattung: Julie Weideli – Video: Michael Winiecki – Dramaturgie: Meike Sasse – Mit: Franz Josef Strohmeier, Michael Haake, Gunnar Blume, Jacob Keller, Silke Heise, Susanne Berckhemer, Elisabeth Therstappen, Frerk Brockmeyer

 

Worum gehts:

Jesko Drescher, ein erfolgreicher Journalist, bekommt ein Bild anonym auf sein Handy geschickt. Darauf zu sehen: er selbst, mit vielleicht elf Jahren, nackt. Langsam wird ihm bewußt, dass die Vorgänge im katholischen Eliteinternat, die er und seine ebenso erfolgreichen Klassenkameraden längst verdrängt haben, retrospektiv nicht so harmlos waren. Jesko begibt sich auf die Spurensuche – wer könnte ihm diese Bilder geschickt haben, wer holt die Vergangenheit so unbarmherzig wieder ans Licht? Denn obwohl er die Bilder und damit die Geschehnisse aus seiner Schulzeit verharmlost, relativiert und schamvoll vor seiner Familie und Freunden geheim hält, rumort es in ihm. Zwischen seiner Rolle als erfolgreicher Erwachsener und verunsichertem Elfjährigen, der Opfer institutionalisierten Mißbrauchs geworden ist, klafft eine Lücke, die immer unüberwindbarer wird, je mehr die Handlung sich zuspitzt. Nachdem die Mißbrauchsfälle in die Öffentlichkeit geraten, und seine ehemaligen Mitschüler sich dazu äußern, steht Jesko vor der finalen Erkenntnis seiner Lebenslüge…

 

Wie wir das finden:

Als unter Intendant Ernö Weil Felix Mitterers „Die Beichte“ im Jahr 2010 im Turmtheater angesetzt wurde, war das Thema „Sexueller Mißbrauch durch Vertreter der katholischen Kirche“ in Regensburg grade brandaktuell. Erst zwei Jahre zuvor, 2008, war der Priester Peter K., bereits zum zweiten Mal wegen sexuellen Mißbrauchs von Kindern zu einer Freiheitsstrafe verurteilt worden, nachdem das Bistum Regensburg ihn nach der ersten Verurteilung zur Bewährung wieder in die Gemeindearbeit geschickt hatte.

Ebenfalls 2010 kam es zu ersten Berichten von ehemaligen Schülern der Domspatzen, die über körperliche Züchtigungen und sexuellen Mißbrauch in den verschiedenen Schulen der katholischen Institution berichteten. Es kam vonseiten der katholischen Kirche erst zu einer Relativierung, dann zu einer Pauschalentschuldigung, und dann – schließlich – mehrere Jahre später und unter einem neuen Bischof im Bistum, zu einer ernsthaften Aufarbeitung der Fälle unter Einbeziehung der Opfer auf Augenhöhe. Als Franz Wittenbrink, selbst ein ehemaliger Domspatz, einen musikalischen Abend mit dem Titel „Schlafe mein Prinzchen“ am Berliner Ensemble zur Uraufführung brachte, verhielt sich das Theater Regensburg sehr lange sehr verhalten auf die Forderung der Opfervertreter, diese Inszenierung für ein Gastspiel nach Regensburg zu holen, um das Thema im politischen Resonanzraum des Theaters diskutieren zu können. Als das Gastspiel schließlich doch stattfand, war das darauf folgende Nachgespräch reichlich peinlich: alle Versuche des Regisseurs, die tatsächlichen Vorfälle zu thematisieren, wurden vonseiten des Theaters abgewürgt: „Mach doch mal was über Thurn und Taxis, Franz“.

Nun also, als Aufarbeitung der vertanen Chance des letzten Jahres, ein Stück von Thomas Melle über sexuellen Mißbrauch in einem katholischen Internat. Das Stück selbst ist eher eine dramatische Fingerübung im ersten Entwurf, die sich nicht entscheiden kann, ob sie postdramatische Textfläche oder psychologisches Kammerspiel sein will. Die haarsträubend peinlichen Dialoge („Haben sie dir deinen Körper genommen? Wir holen uns den wieder zurück“, keucht Jeksos Frau in einem erfolglosen Versuch, ihren Mann zu verführen) und die oft indirekte Rede lassen die Schauspieler ratlos zurück. Ebenso ratlos schien die Regisseurin Charlotte Koppenhöfer gewesen zu sein, die man nach ihrem Erfolg mit „Caligula“ mit der Inszenierung betraute. Doch aus Melles verhackstückter Vorlage, der ein klares Bekenntnis entweder zur Distanz oder zur Nähe zu seinen Figuren gut getan hätte, konnte auch sie offenbar nicht mehr viel machen: Die Schauspieler treten auf und ab, sprechen unmotiviert irgendwelche Sätze die auch ganz andere sein könnten und Koppenhöfer bebildert das Gesagte in so einer plakativen Eindeutigkeit, dass es wehtut. Gerät der ehemals feste Boden unter Jesko Dreschers Lebensbild ins Wanken? Stellen wir ihn auf eine Luftmatratze, auf der alle herumwanken wie seekrank. Wird im Text über die vielen Opfer gesprochen, die anonym blieben und sich nicht geäussert haben? Das zeigen wir mit Händen, die sich von hinten durch einen weißen Prospekt drücken. Koppenhöfer bleibt im Bereich des Klischees und der Bebilderung, was dem Stoff des Stückes nicht gerecht wird. Weiss doch Protagonist Jesko selber lange nicht, was da in der Schulzeit damals eigentlich gelaufen ist, und wie er das einordnen soll. Dieses Schwimmen, diese Uneindeutigkeit, dieses Zweifeln hätte eine subtilere Bildsprache durchaus verdient gehabt. Stattdessen sehen wir die Mutter Gottes, die sich die Justitia von hinten vornimmt. Naja.

Man muss dem Theater Regensburg zugute halten, dass es sich besser spät als nie mit politischen Themen in der Stadtgesellschaft auseinandersetzt. Dass die Diskussionen darüber eigentlich bereits in den letzten Jahren hitzig und emotional geführt worden sind – Schwamm drüber. Ein Stadttheater ist halt ein Tanker, da geht das nicht so schnell. Deshalb erwarten wir mit Spannung für das Jahr 2035 ein Stück über die korrupte Immobilienwirtschaft in einer nordwalisischen Kleinstadt und im gleichen Jahr vielleicht noch etwas zu einer populistischen Massenbewegung in Grönland im 19. Jahrhundert, die die dortige Gesellschaft hart an ihre Grenzen brachte. Dennoch: Provinz für ein Stadttheater bedeutet, dass es auch auf die Fragen und Themen seiner Stadtgesellschaft schaut, und den Blick nicht nur auf das Schicksal mittelalterlicher Normannen oder die Identitätssuche der ungarischen postsozialistischen Gesellschaft richtet. Das hat das Theater Regensburg hier erstmals bewiesen und das ist ein guter Schritt. Dödelei beiseite, die Richtung stimmt. Das nächste Mal ist das Stück vielleicht auch besser.

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