Langwieriger Kurzschluss

KOMÖDIE IM DUNKELN: Andine Pfrepper, Benno Schulz, Foto: Jochen Quast
KOMÖDIE IM DUNKELN: Andine Pfrepper, Benno Schulz, Foto: Jochen Quast
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Pünktlich zum Earth Day wurde es auch im Theater Regensburg dunkel. Mit Umweltschutz hatte die Premiere von „Komödie im Dunkeln“ zwar nichts zu tun – am Licht gespart wurde aber dennoch. Da es im Dunkeln bekanntlich besonders gut munkeln ist, war dem Verwirr- und Verwechslungsspiel Tür und Tor geöffnet. Ein (hoffentlich) erhellender Premierenbericht.

Komödie im Dunkeln

von Peter Shaffer (1926–2016), Deutsch von Lüder Wortmann

Inszenierung Volker Schmalöer – Bühne und Kostüme Monika Frenz – Licht Wanja Ostrower – Dramaturgie Stephanie Junge – Mit: Benno Schulz, Andine Pfrepper, Franziska Sörensen, Gerhard Hermann, Patrick O. Beck, Michael Heuberger und Verena Maria Bauer

Premiere am 25. März 2017, Theater Regensburg, Theater am Bismarckplatz

Worum gehts?

Brindsley Miller ist bildender Künstler. Wie bei den meisten seiner Zunft sieht es bei ihm finanziell nicht rosig aus. Das ist gerade in Sachen Eheschließung ein Problem. Um seine Angebetete Carol doch noch vor den Altar zu führen, lädt er ihren Vater, Colonel Melkett, zu sich ein – „leiht“ sich aber beim wohlhabenden Nachbarn Harold, der gerade auf Reisen ist, dessen Mobiliar aus, um das eigene Heim aufzupimpen. Soweit so gut, gäbe es da nicht plötzlich einen Stromausfall. Damit beginnt das Chaos: eine hysterische Nachbarin sucht Zuflucht bei Miller, der Colonel erscheint übelgelaunt ebenso wie der eigentlich noch verreiste Harold. Schockschwerenot – keiner darf von der Betrügerei und den gestohlenen Möbeln erfahren. Also heißt es für Brindsley noch im Dunkeln alles zurückschaffen, bevor der Techniker der Stadtwerke wieder für Licht sorgt. Schließlich hat sich just für diesen Abend aber auch noch ein millionenschwerer Kunstmäzen angekündigt. Als Brindsleys Exfreundin Clea ihm einen unerwarteten Besuch abstattet, nimmt der Wahnsinn seinen Lauf…

Was passiert?

London in den Swinging Sixties – in der Entstehungszeit von Peter Shaffers Stück siedelt Regisseur Volker Schmalöer seine Inszenierung an. Die Ausstattung feiert dies mit detailverliebtem Hippie-Boho-Style: Flower-Power Tapeten im Obergeschoss, Kleidchen wie aus einer Pan-Am-Werbung, Overknee-Stiefel und Jackie-O-Sonnenbrillen. Knallbunt und mit allerlei lustigem Trödel kommen Bühne und Kostüme von Monika Frenz daher. Der Aufbruch von der konservativen Elterngeneration Richtung Selbstbestimmung und Beatmusic findet dabei optischen Niederschlag. Das ist zwar wirklich charmant gemacht und schön anzuschauen, trägt aber nicht dazu bei, dem Ganzen irgendeine Form von Aktualität oder Relevanz zu verleihen. Ein Problem, das die Inszenierung über gute neunzig Minuten nicht los wird. Sie bleibt eine Klamauk-Show, die an Knall-Boom-Bang-Filme aus den 50ern erinnert. Dabei ist die Grundidee gut: Wenn die Protagonisten nichts sehen, ist die Bühne hell erleuchtet und die Zuschauer können beobachten, wie durchs vermeintliche Dunkel gestolpert wird. Werden die Scheinwerfer hingegen ausgeschaltet, sehen Brindsley&Co einander. Ein genialer Kniff, der dieses Stück auszeichnet. Allerdings bleibt er der einzige. Die gesamte Komik baut auf diesem Setting auf und exerziert sich über tausend Loop-Schleifen zu Tode. Immer wieder werden Streichhölzer, Kerzen und Feuerzeuge entzündet und wieder ausgeblasen. Ein fröhliches Verwechselspiel zieht immer weitere Kreise, wird dabei aber nicht absurder oder einfallsreicher.

KOMÖDIE IM DUNKELN: Patrick O. Beck, Andine Pfrepper, Verena Maria Bauer, Franziska Sörensen, Benno Schulz, Foto: Jochen Quast
KOMÖDIE IM DUNKELN: Patrick O. Beck, Andine Pfrepper, Verena Maria Bauer, Franziska Sörensen, Benno Schulz, Foto: Jochen Quast
Bei der Premiere funktionierte das Zusammenspiel aus Technik und Bühnengeschehen tadellos. Auch die Darsteller ließen sich in Sachen Timing nichts zu schulden kommen. Die teils komplizierten „Choreografien“, bei denen alle konsequent aneinander vorbeilaufen oder sich gegenseitig gezielt mit Drinks vollkleckern, saßen. Ein ganzes Stück lang am Gegenüber vorbeizuspielen erfordert Konzentration und Geschick und beides war an diesem Abend ebenso vorhanden wie die Lust aller Beteiligten am komischen Fach. Benno Schulz als Brindsley mit Harry-Potter-Brille und Pullunder quetschte sich in einen Lampenschirm und schleifte dabei unermüdlich ein Möbelstück ums andere von der Bühne. Andine Pfreppers Darstellung der Carol erinnerte ein wenig an ihre Rolle als irres Manga-Girl in Hungaricum und war erfreulicherweise genauso überdreht ausdrucksstark. Sie starrte mit großen Augen ins Dunkel und war dabei pointiert affektiert. Herausragend war Patrick O. Becks Interpretation des schnöseligen Harold, der Schulz‘ nervösen Brindsley bisweilen an die Ziegelwand spielte. Kein Schwulen-Klischee auslassend kreischte und näselte er sich mit viel Elan durch die ansonsten unspektakuläre Handlung. (Warum er im Gegensatz zu den im Programmheft abgedruckten Bildern, seine Bühnenhaarpracht abgeben musste, bleibt sein Geheimnis…) Unglücklich wirkte hingegen Verena Maria Bauer als Clea im immerhin stylischen Twiggy-Outfit. Aus der Anlage ihrer Rolle wurde bis Ende nicht ersichtlich, ob sie nun betrogene Geliebte, durchtriebene Intrigantin oder verlorene Seele sein sollte. Ebenso unentschieden blieb auch ihr Dialekt, der von Berlinerisch zu Sächsisch zu etwas Kölschartigem changierte. Franziska Sörensens Schlussmonolog hatte eine gewisse Tragik, die schauspielerisch zweifellos ansprechend, im dramatischen Gefüge der Handlung aber eher ein Fremdkörper war.

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KOMÖDIE IM DUNKELN: Benno Schulz, Franziska Sörensen, Gerhard Hermann, Andine Pfrepper, Foto: Jochen Quast
Shaffers Komödie sprüht – zumindest aus heutiger Sicht – einfach nicht vor Charme. Da konnte sich das Ensemble noch so abmühen. Feinsinniger Humor oder hintergründige Andeutungen haben hier nichts verloren (Furzwitze, ja wirklich, Furzwitze… mit Gerhard Hermann als flatulösem Colonel konnte man in dem Moment nur noch Mitleid haben…). Recht viel mehr als Slapstick hat die Klamaukposse nicht zu bieten. Klar, kippende Stühle und verspritzter Wein können funktionieren wie das legendäre Dinner for One zeigt der Silvester-Klassiker dauert aber auch nur gute zwanzig Minuten. Schmalöers Inszenierung hingegen verliert sich in immer gleichen Auf- und Abgängen. Anfangs lacht man noch, dann wird milde gekichert und irgendwann gegähnt. Das Konzept trägt einfach nicht so lang, wie die Handlung vor sich hinmeandert. Wenn Schulz den dritten Stuhl durch die Menge balanciert, hat es auch der Allerletzte verstanden. Natürlich kann auch Wiederholung für Komik sorgen. Doch dazu fehlt dem Stück ein humoristischer Klimax. Die Angelegenheit plätschert unmotiviert vor sich hin wie die Gin-Tonic-Lache auf dem Bretterboden in Brindslys Künstlerbude. Um dem Ganzen dann doch noch einen Abschluss zu geben, lässt Schmalöer ein Tänzchen aufführen und Michael Heuberger schmeißt als russischer Millionär Goldkonfetti aus der Fürstenloge: unvermittelt und eher irritierend als lustig.

Was bleibt?

Wer sich auch über den zehnten Stolperwitz amüsieren kann ohne einen Anflug von Fremdschämen zu verspüren, der wird bei Komödie im Dunkeln seinen Spaß haben. Der sei jedem auch herzlichst gegönnt – zumal die schauspielerische Leistung des Ensembles für vieles entschädigt. Alle anderen können darüber spekulieren, warum man ein Stück, das derart aus der Zeit gefallen scheint, auf den Spielplan setzt und es dann auch noch sagen wir mal … nostalgisch inszeniert.

Zurück bleibt von diesem Abend die traurige Erkenntnis, dass es mit den Komödien am Theater Regensburg einfach nicht so recht klappen will. Dabei hat das Ensemble durchaus komisches Talent wie Hungaricum oder die Känguru-Lesungen gezeigt haben. Während im großen Haus und im Velodrom herausragende Musikproduktionen einen Erfolg um den anderen feiern und am Haidplatz mutig mit neuen dramatischen Ansätzen experimentiert wird, dümpelt die Komödie am Bismarckplatz vor sich hin. Wahrscheinlich wird Shaffers Stück dennoch sein Publikum finden – immerhin füllt ja auch Ringelstetters Late Night den Saal. Auf den Knaller, bei dem man sich herzerwärmt und freudig vor Lachen am Boden kringelt, wird man allerdings weiter warten müssen…

#Allyouneedislaughter #LittlebrokenBuddah #Lampenschirmboogiewoogie