Aufgesessen! Zum himmlischen Höllenritt

ORPHEUS IN DER UNTERWELT: Ensemble, Foto: Martin Sigmund
ORPHEUS IN DER UNTERWELT: Ensemble, Foto: Martin Sigmund
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Operetten sind oft bieder und betulich. Da braucht es meist eine gehörige Portion Erfindungsreichtum, um aus dem Ganzen keinen Seniorentanztee werden zu lassen. Jacques Offenbachs „Orpheus in der Unterwelt“ gehört zum Glück nicht in diese Kategorie. Musikalisch durchaus ambitioniert und mit Dialogen, die über Kitsch-Klaumauk hinausgehen, bietet seine Operette Material für eine bissige Gesellschaftssatire. An dieser versuchte sich nun das Theater Regensburg.

Orpheus in der Unterwelt

Operette in zwei Akten von Jacques Offenbach – in der Fassung der Wiener Volksoper Libretto von Hector Crémieux und Ludovic Halévy – Textfassung von Peter Lund

Musikalische Leitung Tom Woods – Inszenierung Nicole Claudia Weber – Bühne und Kostüme Karl Fehringer, Judith Leikauf – Choreographie Tamás Mester – Licht Martin Stevens, Wanja Ostrower – Choreinstudierung Alistair Lilley – Dramaturgie Ruth Zapf

Mit: Matthias Laferi,  Theodora Varga, Seymur Karimov, Brent L. Damkier, Doris Dubiel, Christiana Knaus, Martina Fender, Katrin Poemmerl, Christian Schossig, Oliver Severin, Ruth Müller, Andrea Dohnicht-Pruditsch, Mert Öztaner sowie den Tänzern Jia Bao Beate Chui, Adelina Amalia Darie, Julia Anna Friess, Heidi Huber, Tamás Mester, Korbinian Reile, dem Opernchor und Extrachor des Theaters Regensburg und dem Philharmonischen Orchester Regensburg

Premiere am 11. März 2017, Theater Regensburg, Velodrom

Eurydike wird vom Herrscher der Unterwelt in sein Reich entführt. Aus dieser höllischen Gefangenschaft will sie ihr liebender Gatte Orpheus befreien. Papperlapapp, dachte sich Jacques Offenbach und machte aus der tragischen Liebesgeschichte, die der Dichter Ovid herzzerreißend besang und die über Jahrtausende Musiker, Maler und Schriftsteller inspirierte, eine launige Operette: Orpheus und Eurydike haben sich nichts mehr zu sagen – Liebesschwüre schon gar nicht –  und für himmlische Angelegenheiten interessieren sich eigentlich auch nur noch die im Olymp herumgeisterenden Gottheiten selbst.

Was reichlich absurd klingt, ist es auch, und dem gab sich Regisseurin Nicole Claudia Weber mit ihrer Inszenierung von Offenbachs schrägen Spektakel in vollen Zügen hin. Tom Woods jagte sein Orchester fulminant durch Himmel und Hölle. Der Opernchor – der eigentliche Star des Abends –  brachte unter der Leitung des kongenialen Alistair Lilley die Bühne optisch und gesanglich zum Beben. Das Ding rockte – und das will bei einer Operette nun wirklich etwas heißen! Mit viel Einfallsreichtum und Abwechslung konnten die Kostüme (Ausstattung: Karl Fehringer und Judith Leikauf) des nicht gerade kleinen Ensembles punkten: Von Puttenflügeln und Pelzstolas bis hin zu Netzstrumpfhosen und göttlichen Bierbäuchen in adretten Schlafanzügen war alles dabei. Erfrischend waren aktuelle Anspielungen und kreative Details: Als die Götter im Olymp zur Revolution aufriefen (… übrigens unter dem ambitionierten Wahlslogan „Für freie Wahlen und Alkohol“… Spassig? Versuch das mal im Iran…), hieß es auf einem Transparent augenzwinkernd „Not my president“.

Karimov & Varga beim Sumsel-Brums-Sex (Foto: Sigmund)
Karimov & Varga beim Sumsel-Brums-Sex (Foto: Sigmund)

Neben der furiosen Chorleistung brillierten bei der Premiere auch die Solisten: Seymour Karimov als Göttervater Jupiter setzte nicht nur seinen Bariton gekonnt in Szene, sondern lieferte die komischste perverse Stubenfliege ab, die man je gesehen haben dürfte. Mit selbiger traf sich Theodora Varga alias Eurydike zum quietschfidelen Stelldichein, bei dem sie vor allem Selbstironie bewies: Vargas Auftritt war herrlich unprätentios und mit einem Mut zu Hässlichkeit und fleischiger Körperlichkeit ausgestattet, für den man sie bewundern muss. Blass blieben dagegen Matthias Laferi und Brent L. Damkier. Als Orpheus hatte Laferi zwar nominell die Hauptrolle, für die Offenbach, wie man fairerweise sagen muss, musikalisch aber auch nicht allzu viel bereit hält – abgesehen von einem klangvollen Gluckzitat („Che faró senza Euridice“ bzw. „Ach, ich habe sie verloren“ aus Glucks Oper Orfeo ed Euridice ist nicht umsonst eine der berühmtesten Arien der Musikgeschichte). Damkier als Höllenherrscher Pluto im Elvis-Look hingegen machte aus seinen Möglichkeit zum King zu werden erstaunlich wenig und blieb gesanglich eher dünn. Ganz anders ging es da in den Nebenrollen zu: Martina Fender amüsierte als schlacksig-burschikoser Cupido; Kathrin Pömmerl begeisterte als rattenscharfe Liebesgöttin Venus in Marilyn-Monroe-Style die himmlischen Heerscharen und das Publikum stimmlich wie schauspielerisch. Ein besonderes Highlight war wieder einmal Doris Dubiel, die als „öffentliche Meinung“ im Queen-Lizzy-Kostümchen nebst Glitzerhandtasche ihrer Berliner Rotzigkeit freien Lauf lassen durfte.

ORPHEUS IN DER UNTERWELT: v.l.n.r.: Christian Schossig, Katrin Poemmerl, Seymur Karimov, Andrea Dohnicht-Pruditsch, Ruth Müller und Opernchor, Foto: Martin Sigmund
ORPHEUS IN DER UNTERWELT: v.l.n.r.: Christian Schossig, Katrin Poemmerl, Seymur Karimov, Andrea Dohnicht-Pruditsch, Ruth Müller und Opernchor, Foto: Martin Sigmund

Man kann Weber und Woods zu dieser gelungenen und zeitgemäßen Interpretation von Offenbachs Stück nur gratulieren. Beglückwünschen muss man zu diesem Abend aber auch ganz ausdrücklich Neli Färber. Dem Chef der Namenlos GmbH (ja, die heißt wirklich so…) und Besitzer des Restaurant-Hotels Orphée ist damit ein Marketing-Coup gelungen, der seinesgleichen sucht. Denn bei aller Begeisterung für diese Inszenierung konnte man eines nicht übersehen: Sie war auch eine Dauerwerbeveranstaltung. Anlässlich des 40. Geburststags der Lokalität, die nicht nur für ihr Coq au vin und das französische Flair bekannt und beliebt ist (… zu Recht, wie auch die Autorin dieses Texte unumwunden zugibt…), hatte man sich in der Unteren Bachgasse für eine Kooperation mit dem Theater Regensburg entschieden. Wie umfangreich diese offenbar war, konnte man bereits in den vergangenen Wochen beobachten: Die MZ etwa berichtete, wie Färber beglückt durch die Theaterwerkstätten schlenderte, um zu begutachten, wie hier sein Lokal nachgezimmert wurde. (Nachzulesen unter der vielsagenden Überschrift: Orphée spielt Hauptrolle im Velodrom.) Denn die Orphéeisierung des Theaters war eben kein einfaches „sponsored by“. Stattdessen wurde das gesamte Foyer des Velodroms mit einer Holzvertäfelung überzogen, auf der Galerieebene ein Orphée-Bistro eingerichtet und selbst im Schriftzug, der über den Einlasstoren des Velodroms pragte, benutzte man das Corporate-Design des Restaurants (ein O mit Harfensaiten).

Muss man sich darüber denn gleich echauffieren? Muss man denn da so hypergenau und politisch korrekt sein?

Und hier die Originalwanne im Orphée (Foto: J. Werner)
Und hier die Originalwanne im Orphée (Foto: J. Werner)

Ja, man muss und zwar aus mehreren Gründen: Die beschriebene Umwandlung machte nämlich auch vor der Bühne nicht Halt und so wurde der Höllen-Cancan im nachgebauten Gastraum des Orphées getanzt und Eurydike kopulierte mit Jupiter in einer Badewanne, die der in einer Suite des Hotels zum Verwechseln ähnlich sah. In eben jenen Räumlichkeiten war im vergangenen Jahr übrigens auch der Spielplan des Theaters vorgestellt worden. (Samt&Selters berichtete.) Während im Programmheft über einigen Seiten der Text „Anzeige“ abgedruckt war und man sich so bemühte, künsterlischen Inhalt und PR zu trennen, prangte auf der Kulisse kein Schild mit der Aufschrift „product placement“**. Wo ist die Grenze zwischen Werbung und Kunst? An diesem Abend war sie bedenklich unscharf.

Sicher – all das tat dem Vergnügen für die Zuschauer keinen Abbruch, und ja: In Zeiten klammer Kassen und magerer Kulturhaushalte müssen sich auch Stadttheater nach zusätzlichen Finanzierungsoptionen umsehen, die solche Großprojekte überhaupt erst möglich machen. Dennoch ist das Theater Regensburg ein kommunales Haus, das nun mal in erster Linie mit öffentlichen Geldern finanziert wird. Das bringt, wenn auch keine rechtliche, so doch sehr wohl eine ideelle Verpflichtung zu einem gewissen Maße an Neutralität mit sich. Mit der sehr weitreichenden Orphée-Kooperation hat sich das Theater auf einen schmalen Grat begeben, von dem man nur hoffen kann, dass er nicht zum Dammbruch werden wird: Denn was passiert eigentlich, wenn andere Geschäftsleute nun das Gleiche einfordern? Rollen demnächst BMWs über die Bühne, die ganz zufällig wunderbar in die Inszenierung passen? Was ist, wenn nicht Färber, sondern Frank Moshner, der Besitzer der Regensburger Filialen einer Fast-Food-Kette, auftaucht: Wird dann nicht mehr Macbeth, sondern McBeth gespielt? Mit goldenem M und Pommes in der Pause?

Wenn es sich eine Stadt gerade nicht leisten kann als Dorf zu wirken, in dem jeder jeden kennt und in der eine Hand die andere wäscht, dann ist das Regensburg. Während der Rest des Landes irritiert die Zeitungen las, die sich auf ihren Titelseiten mit Headlines zu mutmaßlicher Korruption und Vetternwirtschaft in der Domstadt überschlugen, war vor Ort vor allem Schulterzucken und eine sogar für Oberpfalz-Verhältnisse erstaunliche Wurschtigkeit an der Tagesordnung. Mit all dem hat eine harmlose Kooperation zwischen Theater und Gastro freilich nichts zu tun (und das soll hier – um das deutlich zu sagen – auch nicht angedeutet werden). Aber sie passt dennoch erschreckend gut ins Gesamtbild, das diese Stadt derzeit unfreiwillig von sich entwirft, und das lässt einen am Tag nach der Premiere schon mit leicht schalem Geschmack und besorgtem Kopfschmerz aufwachen: Die Champagner-Party in Regensburg ist vorbei… oder?

#LetheCocktailfüralle #SalatNizzadieFortsetzung #HatsichsausgeAustert

(** An dieser Stelle stand in einer früheren Version der Kritik „sponsored content“ – bewusst in Anführungszeichen. Dieser Ausdruck führte im Nachgang allerdings zur Diskussion, ob damit gesagt werden soll, dass konkret für das Bühnenbild Gelder geflossen sein könnten. Da wir eine solche Aussage hiermit nicht intendiert haben, haben wir uns zur Umformulierung entschlossen, um weitere Missverständnisse zu vermeiden.)