Mit freundlichen Grüßen von der Therapiecouch

LES ENFANTS TERRIBLES: Yinjia Gong, Matthias Wölbitsch, Anna Pisareva, Foto: Bettina Stöß
LES ENFANTS TERRIBLES: Yinjia Gong, Matthias Wölbitsch, Anna Pisareva, Foto: Bettina Stöß
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Les Enfants Terribles (Kinder der Nacht)

Tanzoper von Philip Glass und Susan Marshall
nach dem gleichnamigen Roman von Jean Cocteau

Musikalische Leitung Satomi Nishi – Inszenierung und Choreographie Yuki Mori – Bühne Dorit Lievenbrück – Kostüme Antonia Fitz– Licht Martin Stevens – Dramaturgie Christina Schmidt

Mit: Matthias Wölbitsch, Anna Pisareva, Judith Beifuß und Yinjia Gong (Gesang) sowie das Tanzensemble mit Alessio Burani, Tsung-Hsien Chen, Simone Elliott, Tiana Hogan, Yosuke Kusano, Fabian Moreira Costa, Louisa Poletti, Simonefrederick Scacchetti, Harumi Takeuchi, Pauline Torzuoli; Stimme aus dem Off: Gunnar Blume

Premiere am 18. Februar 2017, Theater Regensburg, Theater am Bismarckplatz; Besuchte Vorstellung: 8. März 2017

Worum geht’s?

Paul wird von einem Schneeball getroffen. Halb so wild? Vonwegen! Der Werfer Dargelos hat – absichtlich oder unabsichtlich, wer weiß das schon so genau – einen Stein mit eingerollt und Paul wird verletzt. So schwer, dass er fortan nicht mehr aus dem Haus kann und von seiner Schwester Elisabeth gepflegt werden muss. Die hat darauf eigentlich keine Lust, muss sie sich doch schon um die kranke Mutter kümmern. Doch sie liebt ihren Bruder – allerdings nicht nur so ein bisschen, sondern bis zum Inzest. Irgendwann segnet die Mutter das Zeitliche; Elisabeth heiratet einen reichen Mann, der ihr kurz nach der Hochzeit wegstirbt. Ihre beste Freundin Agathe (die aussieht wie der ehemalige Schneeballwerfer), in die sich Paul – immer noch krank und von Alpträumen geplagt – schrecklich verliebt, fällt Elisabeths Intrigen zum Opfer: Agathe heiratet Gérard – den Freund des Geschwisterpaares, der eigentlich auf beide steht, aber keinen bekommt – und wird unglücklich. So kann Paul nicht weiterleben und setzt sich einen goldenen Schuss. Das wiederum übersteht Elisabeth nicht und jagt sich eine Kugel durch den Kopf. Na toll.

Was passiert?

Es ist das Jahr 1900 und Sigmund Freuds Die Traumdeutung erscheint: Ein Werk, das dieses Jahrhundert, in dem die Moderne mit all ihren Wundern und Schrecken zur vollen Blüte gelangt, prägen wird. Bewusstes und Unbewusstes, Ich und Über-Ich – Begriffe, die wir heute in jedem noch so lächerlichen Zeitschriften-Horoskop lesen und die für uns selbstverständlich sind, eröffnen damals den Blick in die Tiefen der menschlichen Psyche und in so manche Abgründe. Düster geht es auch auf der Bühne von Les Enfants Terribles zu. Aus einer Schneeballschlacht herumtollender Kinder wird bitterer Ernst und schon findet sich der Zuschauer wieder in einem Setting, das optisch in eben jenen frühen Jahren des 20. Jahrhunderts anzusiedeln ist. Diverse Paravents, zwei schnörkelige Metallbetten und ein paar Decken – mehr braucht Bühnenbildnerin Dorit Lievenbrück nicht, um eine atmosphärische Stimmungslandschaft zu schaffen, durch die Sänger und Tänzer in den angenehm unaufdringlichen und fließenden Outfits von Kostümchefin Antonia Fitz wandern.

LES ENFANTS TERRIBLES: Simone Elliott und Tanzensemble, Foto: Bettina Stöß
LES ENFANTS TERRIBLES: Simone Elliott und Tanzensemble, Foto: Bettina Stöß

Mit Matthias Wölbitsch, Anna Pisareva, Yinjia Gong und Gast-Mezzosopranistin Judith Beifuß (von der man hoffentlich in Zukunft noch mehr sehen und hören wird) schickt das Theater Regensburg seine junge, aber keineswegs unerfahrene Garde auf die Bühne. Satomi Nishi liefert eine akzentuierte und stellenweise furiose Interpretation von Glass minimalistischer Musik, mit der die Sänger in Dialog treten. Das klingt manchmal sperrig und dissonant und bringt den unruhigen Geist des Aufbruchs in die Moderne – der sich in der Romanvorlage von Jean Cocteau (wenn auch eher am Rande) findet – auch musikalisch zum Ausdruck. In anderen Momenten erinnert das Klavier aus dem Orchestergraben an eine Stummfilmbegleitung – eine stimmige Referenz an diese in den 1920er und 30er Jahren so beliebte Kunstform. Umso mehr stört die Erzählerstimme aus dem Off, die über manchen, auch akustisch zu unvermittelten Szenenwechsel nicht hinwegtäuschen kann.

Am stärksten ist Les Enfants Terribles, wenn Sänger und Tänzer miteinander interagieren und dabei eindrückliche Bilder schaffen – etwa wenn Matthias Wölbitsch als Paul schlafwandelt und Alessio Burani einerseits zum Spiegel von Pauls Ängsten wird, ihn andererseits aber auch mit unnachahmlicher Sachtheit auffängt. Leider gibt es zu wenige dieser Szenen und in diese schon fast organisch wirkenden Verbindungen steigen die beiden Ensembles eher selten ein. Oft dominiert das Nebeneinander von Tanz und Gesang und man kann sich des Eindrucks nicht ganz erwehren, dass gerade im zweiten Teil eine chronischer Platzmangel auf der Bühne herrscht. Das macht optisch zwar immer noch einiges her, bleibt aber hinter den Möglichkeiten zurück.

Was bleibt?

Tanzchef Yuki Mori und Dramaturgin Christina Schmidt entscheiden sich bei ihrer Inszenierung dafür, eher mit zarten Andeutungen als mit einem freudianischen Holzhammer zu arbeiten. Eingeblendete Videos, von unendlichen Wendeltreppen bis zu einer fliegenden Eule, tragen dazu konsequent, manchmal aber nahe am Kitsch bei. Adoleszente Traumata, Opiumrausch, Geschwisterinzest, unterdrückte Homosexualität, menschliche Grausamkeiten – all das, was bei Cocteau in zerrbildhafter Radikalität auf den Leser einprasselt, nimmt die Tanzoper mit auf. Der Zuschauer bekommt dies allerdings nur durch einen traumhaften Schleier vor dem geistigen Auge präsentiert. Das ist nicht wahnsinnig aufregend und mitunter etwas zäh. Für Freunde von Moris Tanzstil – dessen Handschrift gerade in den Pas de deux ein wenig überdeutlich zu erkennen ist – lohnt sich ein Besuch aber dennoch und Fans von Pisareva, Wölbitsch & Co dürften ebenfalls ihre Freude daran haben.

#Teenageralpträume #OpiumfürsVolk  #GattetotErbegroß