An einem dunklen Ort – nicht ganz so dunkel

Ludwig Hohl als Titelfigur in "Krabat" vom Jungen Theater Regensburg, inszeniert von Jule Kracht
Ludwig Hohl als Titelfigur in "Krabat" vom Jungen Theater Regensburg, inszeniert von Jule Kracht
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Krabat

Otfried Preußler
Premiere: 11. Februar 2017, Junges Theater
Regie: Jule Kracht – Dramaturgie: Daniel Thierjung – Bühne und Kostüme: Nora Lau – Musik: Jan Maihorn – Video: Jesse Kracht – Choreographie: Franziska Plüschke – Mit: Franziska Plüschke, Stephan Hirschpointner, Ludwig Hohl, Marcel Klein

 

Worum gehts:

„Komm zur Mühle im Koselbruch, es wird dein Schaden nicht sein!“ ist wohl vielen Leuten vage ein Begriff, die wissen, dass wir Otfried Preußler nicht nur den launigen Räuber Hotzenplotz und das chaotische kleine Gespenst, sondern auch die gruselige Geschichte von Krabat zu verdanken haben. Krabat, als Betteljunge auf sich selbst gestellt, wird in die Mühle nach Schwarzkollm gelockt, wo nicht nur ein Ausbildungsplatz als Müllerbursche auf ihn wartet, sondern dazu noch eine Ausbildung, mit der er so gar nicht gerechnet hatte. Als Geselle der schwarzen Magie lernt er die grausigen Praktiken auf der Mühle am Schwarzen Wasser kennen, die Zauberkünste schätzen und seinen Meister und dessen geheimnisvolles Zauberlehrbuch, den Koraktor, fürchten. Die Verführungen der schwarzen Macht, denen auch Krabat zunächst erliegt, verlieren jedoch zunehmend an Anziehungskraft, als zunächst Krabats Freund Tonda stirbt, und Krabat sich auch noch in ein Mädchen aus dem Dorf verliebt. Die Mühle und die Verbindung des Meisters zu dunklen Kräften entfalten zunehmend einen Sog, aus dem sich Krabat nicht aus eigenen Kräften zu befreien vermag. Erst die Liebe seines Mädchens kann ihn – und mit ihm all die anderen Lehrburschen auf der Mühle – erlösen…

 

Wie wir das finden:

Egal, was man von Preußlers Texten heute noch in die Hand nimmt, alles wirkt wie aus der Zeit gefallen, als würde man in ein Paralleluniversum schauen, in dem Politik, Gesellschaftskonflikte und das Weltgeschehen keine Signifikanz haben. Krabat macht da keinen Unterschied: in der Geschichte, angefüllt mit hinreichend grausigen Details, geht es um Freundschaft, es geht um Loyalität und um Versuchung, um Machtlosigkeit und Macht, um Unterordnung und Verheißung. Und es geht um Liebe, um die erlösende Kraft einer alles überstrahlenden Zuneigung. Klassische Themen jedes Teenagers, dreht sich doch ein Großteil des pubertären Erlebens um das Finden des eigenen Platzes in der gesellschaftlichen Hierarchie, um das Wahrnehmen von größeren globalen Zusammenhängen und dem Erkennen, wie die Welt funktioniert. Und die Liebe – nie wird sie so unmittelbar, so dramatisch und so vernichtend schön empfunden wie in der Zeit, in der der Körper und die Seele in Aufruhr sind, in der aus dem Kind ein Erwachsener wird. So universell die Themen in Krabat sind, so beliebig kann man sie in jede Zeit setzen. Krabat als Geschichte funktioniert immer und nie, und es stellt sich zumindest die Frage, ob es auf der Welt grade nicht drängendere Fragen für Heranwachsene gibt, als das immerwährende Thema Freundschaft, Liebe und die Verführung zur Macht?

Zauberschule: die Müllerburschen verwandeln sich in Raben bei "Krabat", Regie Jule Kracht
Zauberschule: die Müllerburschen verwandeln sich in Raben bei „Krabat“, Regie Jule Kracht

Regisseurin Jule Kracht (treuen Fans des Jungen Theaters schon aus der Bilderbuchadaption „Gehört das so?!“ bekannt) setzt auf einen klaren Minimalismus und eine geschickte Rahmenhandlung, um die Geschichte von Krabat mit dem zahlenmäßig eingeschränkten Personal des Jungen Theaters im Rückgriff zu erzählen. Während die Müllergesellen weisse Müllerkluft in einer von weissem Stoff dominierten Kastenbühne tragen (Bühne und Kostüm: Nora Lau), ist in den Szenen mit Magie und Zauberei schwarz die prägende Farbe. Ein einziger bunter Farbtupfer wird Kantorka gestattet, der Vorsängerin aus dem nahen Dorf, an die Krabat sein Herz verliert. Sie wird in einer mit sehr schnellen Umzügen begleiteten Doppelrolle von Franziska Plüschke gespielt, die auch den „dummen Juro“ verkörpert. Generell ist das Bühnengeschehen geprägt von einem großen Erfindergeist – da werden Vorhänge zu Projektionsflächen und zu Maibaumbändern, und Mehlsäcke zu Schlafkojen und zu einem Grabhügel. Es macht Spaß, dem körperbetonten Spiel der Vier zuzusehen.

Die schier unfassbaren Grausamkeiten, die auf der Mühle am Schwarzen Wasser passieren, werden mit Rücksicht auf die junge Zielgruppe im Jungen Theater nur sehr behutsam angedeutet. Am gruseligsten ist „Krabat“ da, wo die Titelfigur (Ludwig Hohl) alleine und frierend in einem dunklen Wald steht, und auf den vielen Stoffen des Bühnenaufbaus stumme Schneeflocken herunterrieseln, wie Flocken aus Mehl – oder aus Asche. Obwohl der Stücktext noch viel mehr Anlaß zum Fürchten gegeben hätte (die Müllerburschen schleppen Säcke voller Knochen in die Mühle, die sie dann mahlen müssen… brrrr), hat Kracht an den grausamsten Stellen bewußt auf Projektionen und und elaborate Bildgestaltung verzichtet, und stattdessen auf den sehr verdichteten und verkürzten Text gesetzt. Dadurch wirken manche Stellen (weil man sehr gut hinhören muss, um die Tragweite des Textes zu verstehen) sehr zurückgenommen und einige – wie der Tanz der fliegenden Raben – unfreiwillig komisch. Hier hätte man sich der dunklen Atmosphäre des Stückes ruhig hingeben und ein bisschen schwelgen können in der Schwarzen Magie und der Anziehungskraft des Bösen. Denn nur, wenn wirklich etwas auf dem Spiel steht, kann man das große Opfer nachvollziehen, das Kantorka willens ist, zu liefern. Und dann verstünde man auch Krabats Zögern besser, ob er die Erlösung wirklich will, geht sie doch einher mit der Verlust aller Zauberkräfte…

Aber auch in der textdominierten, verdichteten Fassung wirkt „Krabat“ und zieht sein Publikum in seinen Bann: in der Vorstellung, die die Rezensentin besuchte, waren ansonsten ausnahmslos Schülerinnen einer Regensburger Mädchenschule und im entscheidenden Moment – nämlich dann, wenn Kantorka ihren Krabat unter all den anderen Müllerburschen als den ihrigen erkennt – hörte man von den Schauspielern einen Moment lang gar nichts mehr, sondern nur das selige Seufzen sämtlicher pubertierender Mädchen im Publikum.

Solange Theater das kann, wird alles gut.

 

Wer geht da rein:

Unbedingt nicht nur SchülerInnen, sondern auch Erwachsene, die das Buch als Kind oder Jugendlicher gelesen haben und die sich noch mal in die Mühle am Koselbruch – und wieder daraus hinaus – entführen lassen wollen.

#Krabaaaat #EsWirdDeinSchadenNichtSein #MaoriPowerDance #ImmerÄrgerMitDerTechnik #MeisterImStimmbruch