Klar und streng wie klirrende Kälte

Michael Heuberger in Elfriede Jelineks "Winterreise" im Theater am Haidplatz, Theater Regensburg
Michael Heuberger in Elfriede Jelineks "Winterreise" im Theater am Haidplatz, Theater Regensburg
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Winterreise

Elfriede Jelinek
Premiere: 10. Februar 2017, Theater am Haidplatz
Regie: Mia Constantine – Dramaturgie: Stephanie Junge – Bühne und Video: Michael Lindner – Kostüme: Monika Frenz – Licht: Wanja Ostrower – Mit: Ulrike Requadt, Verena Maria Bauer, Michael Heuberger, Jacob Keller, Sebastian M. Winkler

 

Worum gehts:

Ein Mann stirbt, und weiss nicht, wieso. Er weiss sowieso nur noch recht wenig – nicht, wo sein Bett steht. Nicht, wo er mal war und nicht, wie er hier herkam. Am Ende wird er sterben, in seinem Gitterbett, in seinem Schlafsaal, den er mit dreissig anderen teilt. Die Zeit, sie ist ihm davongerannt. Er hat sie nun nicht mehr. Sein Leben, es leben andere weiter.

Die Zeit und ihr unerbittliches Verrinnen ist das Grundmotiv von Elfriede Jelineks Textzyklus, der sich an Franz Schuberts romantischem Liederreigen „Winterreise“ anlehnt. Wie bei Schuberts Vertonung der Gedichte von Wilhelm Müller ist auch bei Jelinek das Scheitern, die wehmutsvolle Reminiszenz, mit denen die lyrischen Textwellen durchwoben sind, das verbindende Element. Nur während das lyrische Ich in der musikalischen Winterreise einer verflossenen Liebe nachtrauert und durch das kalte Deutschland stapft, während er an seine Liebe im Frühling denkt, verknüpft Jelinek das zentrale Motiv der Zeit und der vergangenen und getäuschten Liebe mit aktuellen Themen. So entsteht das Bild des betrogenen Bräutigams verwoben mit dem krummen Deal des Verkaufs der österreichischen Bank Hypo Alpe Adria an die bayerische Bank BayernLB. Oder das der enttäuschten Liebe, meisterhaft adaptiert von Schuberts Post-Lied. Liebe in Zeiten des Internets, sie ist nicht einfach: Nehmen Sie den Mann jetzt oder kann ich den zurückschicken? Ist per Nachnahme, kostet Sie also was.

Verena Maria Bauer (stehend), Sebastian M. Winkler, Jacob Keller, Ulrike Requadt (v.l.)
Verena Maria Bauer (stehend), Sebastian M. Winkler, Jacob Keller, Ulrike Requadt (v.l.)

Dabei im Vordergrund steht immer die Einsamkeit, die Isolation, das Reflektieren der Zeit, die sich nicht aufhalten lässt und die mit jedem Ticken der Uhr auch ein „vorbei, vorbei“ zu sagen scheint. Dramaturgin Stephanie Junge und Regisseurin Mia Constantine schaffen es, einen hochkonzentrierten Abend aus den Jelinek’schen Textflächen zu machen, der diese Themen klar herauskristallisiert. Und weil ganz Österreich ein Trauma mit Kellern hat, und weil der Keller als Sitz des Unbewussten, als Sitz der verborgenen Grausamkeit, als Ort der als Liebe deklarierten Gewalt bei Jelinek einen prominenten Platz bekommt, hat Bühnenbildner Michael Lindner den Bühnenraum einfach in der Mitte geteilt: oben die Sprechenden, unten die kriechenden Schatten. Vorne die glückliche Fassade (sehr atmosphärische Videos, ebenfalls von Lindner), dahinter die Verzweiflung. Alles an diesem Abend ist auf Klarheit getrimmt: die schlichten Kostüme (Monika Frenz) ebenso wie das Licht (Wanja Ostrower). Mit Jelinek wird am Theater Regensburg kein Firlefanz getrieben, Constantine schafft stattdessen überzeugende und wirksame Bilder, die die Lyrik des Textes unterstützen und nicht davon ablenken. Dazu Schuberts Winterreise als durchgehender Soundtrack und immer wieder Textpassagen, die nicht von den Schauspielern live gesprochen werden, sondern die von Band kommen.

Man kann sich einer Inszenierung eines Jelinek-Textes von zwei Seiten nähern: man kann vorher die Sekundärliteratur lesen, sich über alle Referenzen informieren und dann sehr verstehend im Theater am Haidplatz sitzen. Es gibt aber noch die andere Möglichkeit: ohne vorher zu lesen, ohne besondere Vorkenntnis diesen Abend als das genießen, was er auch ist: ein Konzentrat an lyrischer Sprache, mit starken Bildern. Aber wenn man sich darauf einläßt, dann packt einen der Abend und brennt sich ein.

 

Wer geht da rein:

Leute, die nicht grad in den letzten Zügen einer Heidegger-Doktorarbeit sind und Leute, die auch ins Theater gehen, wenns mal nicht den Brandner Kaspar zu sehen gibt vielleicht?

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