Auf Crashkurs

LEHMAN BROTHERS: Ensemble, Foto: Jochen Quast
LEHMAN BROTHERS: Ensemble, Foto: Jochen Quast
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Kommen ein Tuchhändler, ein Kaffeeimporteur und ein Börsenbroker in eine Bar – dann könnte es sich um ein imaginäres Familientreffen von drei Generationen der Familie Lehman handeln. Aus dem Nichts stampfte Henry ein kleines Business, das zu einer der größten Banken der Welt avancierte und 2008 spektakulär pleiteging. Die Mär vom ewigen Wachstum feierte mit Lehman Brothers im Velodrom am Samstag ihre Regensburger Premiere.

Lehman Brothers – Aufstieg und Fall einer Dynastie

von Stefano Massini, übersetzt von Gerda Poschmann-Reichenau

Inszenierung Josua Rösing – Bühne Philip Rubner – Kostüme Monika Frenz – Licht Martin Stevens– Musik Thies Mynther – Video Christin Wilke – Dramaturgie Meike Sasse

Mit: Patrick O. Beck, Susanne Berckhemer, Frerk Brockmeyer, Michael Haake, Silke Heise, Gerhard Hermann, Robert Herrmanns, Andine Pfrepper

Premiere am 4. Februar 2017, Theater Regensburg, Velodrom

Worum gehts?

Als Heyum Lehmann 1844 den Überseedampfer im Hafen von New York City verlässt und amerikanischen Boden betritt, wird er zu Henry Lehman. Dass der mittellose deutsche Auswanderer mit jüdischen Wurzeln zum Stammvater eines der wichtigsten Finanzmarkt-Player des 20. Jahrhunderts werden würde, konnte damals keiner ahnen. Stefano Massini erzählt mit der Familiengeschichte der Lehmans nicht nur von einer Dynastie, sondern auch von der Geburt des Börsenhandels und den Untiefen des Finanzmarktbusiness. Ein Stoff der aufgrund seiner Aktualität beliebt ist und deshalb nach seiner deutschen Erstaufführung am Schauspiel Dresden 2015 inzwischen an zahlreichen Bühnen gespielt wurde.

Was passiert?

Nach einer halben Stunde beschleicht einen der Eindruck, dass der Regisseur von Lehman Brothers, Josua Rösing, von einem akuten Anfall von Inszenierungsverweigerung ergriffen worden sein könnte. Der schwarze Vorhang hat sich zu diesem Zeitpunkt noch keinen Millimeter gelüftet, auf der Vorbühne sitzt das Ensemble auf einem wasserlosen Springbrunnen herum. In kleinen Gruppen treten die Schauspieler nach vorn und erzählen die Geschichte von Henry und seinen Brüdern, vom Tuchhandel, der Baumwollplantage und dem Umzug des Lehman-Büros nach New York. Zwischendurch werden Familienporträts gestellt, die gefilmt und auf den Vorhang projiziert werden. Das Ganze ist statisch, langsam. Bilder werden nur mit Hilfe der Lebendigkeit in den Stimmen der Schauspieler erzeugt. Darin aber steckt jede Menge Kraft, Leidenschaft und Ausdrucksstärke. Ein echt gutes Hörspiel, aber warum geht man dafür ins Theater?

Lahme Inszenierung, gutes Ensemble. Kritik fertig.

So einfach könnte es ein, wäre nach 50 Minuten alles vorbei. Doch dem ist nicht so – zum Glück. Denn die Langsamkeit und der Detailreichtum mit dem zahlreiche Begebenheiten aus dem Leben der Brüder Lehman erzählt werden – die Fülle an Jahreszahlen, die Berechnungen des Warenein- und ausgangs, der genaue Ablauf von Familienfeiern – das alles ergibt plötzlich Sinn, wenn sich der Vorhang hebt und den Blick auf das Betongrau und die Glasoberflächen der Großstadt freigibt. Es blinken Leuchtstreifen in den Farben der US-Flagge auf – oder sind es Leuchtreklamen oder vielleicht doch die Börsenkurse auf der Anzeigetafel der Wallstreet?

Lehman Brothers - Ensemble - Foto: Jochen Quast
Lehman Brothers – Ensemble – Foto: Jochen Quast

Der Langsamkeit des frühen 19. Jahrhunderts wird der technische Aufschwung, neue Möglichkeiten der Mobilität und der Kommunikation und schließlich die digitale Revolution entgegengesetzt. Kurz: Alles beginnt zu rasen! Und wie wir im Physikunterricht gelernt haben, nehmen die Fliehkräfte bei erhöhter Geschwindigkeit ebenfalls zu.
Zuviel für die Menschen: Die Charaktere, die am Anfang noch klare Formen haben, lösen sich auf. Über die verliebten Blicke von Emmanuel Lehman und der angebeteten Pauline schmunzeln wir noch, dem Widerspruchswillen des kleinen Herbert im Religionsunterricht applaudieren wir. Doch nach und nach verlieren sich die Umrisse der Personen bis schließlich nur noch eine anonyme Masse spricht.
Monika Frenz unterstreicht das mit ihren Kostümen, bei denen die Herren in Frauenklamotten, Higheels oder mit knalligem Lippenstift daherkommen (besonders „bedauernswert“ Michael Haake im quietschgrünen Uta Ranke-Heinemann Leder-Gedächtniskostüm), während den Damen in Nadelstreifen-Anzügen ein Bart angeklebt wird. Das bringt die Zuschauerreflexion eine Weile auf die falsche Fährte: Geht es vielleicht doch um den Aufbruch von Genderklischees oder ein Aufbegehren gegen patriarchale Strukturen des Welthandels? Letzten Endes tut es aber das Seine, um dem Identitätsverlust, den das Stück als Begleiterscheinung der Ablösung vom Warenhandel hin zu Spekulationen mit abstrakten Finanzmarktprodukten versteht, eine weitere Bildebene zu verpassen. Was hingegen der klassizistische Wander-Springbrunnen im Bühnenbild von Philip Rubner dem Zuschauer mitteilen will (am Ende wird oben drauf auch noch Michaelangelos David gepappt, sprudeln tut hier aber zu keinem Zeitpunkt irgendwas… kein Geld, kein Wasser), bleibt ein Rätsel.

LEHMAN BROTHERS: Ensemble, Foto: Jochen Quast
LEHMAN BROTHERS: Ensemble, Foto: Jochen Quast

Wen es bei der immer schneller werdenden Fahrt des Wallstreetkarussells aber nicht per Zentrifugalkraft von der Bühne schleudert, ist das Ensemble. Das chorisch inszenierte Sprechen – mal alle gleichzeitig, mal im wilden Schlagabtausch, aber immer frontal ins Publikum hineingepowert – dürfte angesichts der enormen Textmenge und -dichte der Stückvorlage von Stefano Massini eine echte Herausforderung gewesen sein. Pointiert und mit nahezu perfektem Timing gelingt dies bei der Premiere aber in einer Qualität, wie man sie in Regensburg bisher selten gesehen hat. Dabei einzelne Schauspieler herauszustellen ist kaum möglich, denn die Inszenierung lebt von der Teamleistung des Ensembles. Dennoch ist es eine erwähnenswerte Freude zu sehen, was Andine Pfrepper, die in vergangenen Spielzeiten oft zaghaft wirkte, in dieser Spielzeit (wie auch schon bei Hungarikum) an Souveränität, Reife und Präsenz hier abliefert. Nicht minder kraftvoll schlüpfen mit Silke Heise und Gerhard Herrman zwei den Regensburgern altbekannte Theatergesichter energiegeladen in ihre diversen Rollen.

Was bleibt?

Spannende Inszenierung, großartiges Ensemble. Kritik jetzt fertig?

Nein, immer noch nicht. Denn Rösings Lehman Brothers ist eine Inszenierung mit wirklich gut gemachten Ecken und Kanten, an denen sie sich ab und an selbst aufschürft. Der Kameraeinsatz am Anfang bricht die Bühnensituation – ein Bild, das keine Fortsetzung findet. Thies Mynthers Musik sorgt mit Another day another dollar für einen Ohrwurm, kann (unverschuldet) der viel zu langen Choreographie, bei der die Schauspieler in Schachzug-anmutung herumlaufen, aber auch nicht die fehlende Sinnhaftigkeit verleihen. Die Videoanimationen von Christin Wilke geben der Dynamik der computerisierten Aktiengeschäfte optisch gelungen Ausdruck – die sprechenden Büsten in Windows 97 Gamingstyle hätte es aber nun wirklich nicht gebraucht.

Was aber fehlt – und das bei der Aktualität des Stücks mehr als erstaunlich – ist ein konkreter Bezug zum Hier und Heute. Viel zu lange verharrt die Erzählung bei der Familiengeschichte, beim Aufstieg der Lehmans. Der Fall der Dynastie schien Massini – trotz der Behauptung des Untertitels – nicht so richtig zu interessieren. Rösing und Dramaturgin Meike Sasse haben den Text ordentlich zurecht gestutzt und dabei zweifelsohne gute Arbeit geleistet. Vielleicht hätte man sich aber angesichts dessen, dass der Text zum Untergang der Familie kaum etwas zu sagen hat, doch mutiger von diesem Erzählstrang trennen sollen. Henry ist kein Buddenbrook, Stefano Massini kein Thomas Mann. Die wirtschaftliche Entwicklungsgeschichte und vor allem die zugrundeliegende Systematik einer von realen Waren abgekoppelten, durchökonomisierten Welt – dem Ausdruck zu geben schafft Massini nur bedingt. Diejenigen, die von den Geschäften der Lehmans betroffen sind – Baumwollfarmer, später Bankangestellte oder eben jene kleinen Eigenheimbesitzer, die bei Platzen der Immobilienblase in den USA alles verloren – sie bekommen hier keine Stimme. Auf die Frage, was die Lehman-Pleite 2008 für uns und für die Zukunft bedeutet, muss die Inszenierung keine Antwort geben – aber sie deutlicher zu stellen wäre wichtig angesichts der aktuellen Schlagzeilen.

Quelle: http://www.n-tv.de/politik/Trump-schafft-Dodd-Frank-Gesetz-ab-article19687154.html (5.2.2017)
Quelle: http://www.n-tv.de/politik/Trump-schafft-Dodd-Frank-Gesetz-ab-article19687154.html (5.2.2017)

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