Glitzersägenmassaker

Freax - Foto: Jochen Quast, Theater Regensburg
Freax - Foto: Jochen Quast, Theater Regensburg
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Was haben Hamlet und Moritz Eggerts Oper gemeinsam? Beides steht auf dem diesjährigen Spielplan des Theater Regensburg und am Ende sind auf der Bühne alle tot. Zwei heitere Theaterabende also. Das Musiktheater startete mit Freax, einer szenischen Uraufführung, ins Jahr 2017.

Freax

Oper von Moritz Eggert mit einem Libretto von Hannah Dübgen
Szenische Uraufführung

Musikalische Leitung Tom Woods – Inszenierung Hendrik Müller (nach einem Konzept von Jim Lucassen) – Bühne und Kostüme Marc Weeger – Licht Wanja Ostrower – Choreinstudierung Alistair Lilley – Dramaturgie Ruth Zapf

Mit: Matthias Laferi, Vera Semieniuk, Michaela Schneider, Matthias Wölbitsch, Steven Ebel, Vera Egorova, Theodora Varga, Ruth Müller, Otto Katzameier, Adam Krużel, Elena Lin, Kathrin Poemmerl sowie Statisterie, Opernchor & Philharmonisches Orchester Regensburg

Premiere am 21. Januar 2017, Theater Regensburg, Theater am Bismarckplatz

Worum gehts?

Hach ja, die Liebe: Ist sie nicht schön? Nicht so wirklich – jedenfalls nicht in der Story von Freax. Eigentlich ist Franz zwar mit Lea zusammen, aber er verliebt sich in Isabella. Die wiederum ist heftig in einen anderen verknallt: Hilbert, mit dem sie ein Techtelmechtel hat, ist der Moderator einer Art Roadshow. In der treten Franz und Lea, beide kleinwüchsig, und einige andere sogenannte „Freax“ auf; Isabella (schön, gemein und körperlich ohne Beeinträchtigung) singt im Backgroundchor. Um zu verhindern, dass Franz aus Liebeskummer hinschmeißt, sagt Isabella Ja zum Heiratsantrag und schmiedet mit Hilbert den Plan, Franz nach der Eheschließung umzubringen. Aber was ist denn dann mit der Show? Das fragt sich panisch der Direktor des ganzen Ladens und schließlich auch Hilbert. Pech für Isabella – sie soll dann eben bei Franz bleiben und sich nicht so anstellen. Als sie sich weigert Franz zu küssen, versucht man sie zu einem Ekelritual (Spucke aller Anwesenden aus einem Kelch schlüfen – Pfui Deibel) zu zwingen. Auch da macht Isabella nicht mit, beschimpft Franz und will nur noch weg, weshalb Hilbert Isabella bei der nächsten Show verstümmelt – for real, also nix Zaubertrick. Sie überlebt, Franz mag sie jetzt aber auch nicht mehr. Lea hat immer schon geahnt, dass das alles kein gutes Ende nimm; das hilft ihr aber jetzt auch nicht mehr. Franz steckt kurzerhand den ganzen Laden in Brand und alle sterben.

Was passiert?

Einen leichten und beschwingten Opernabend dürfte sich bei der Premiere von Freax im Vorfeld wohl keiner ausgemalt haben. Zu hart der Stoff: In Anlehnung an einen amerikanischen Horrorfilm aus den 30er Jahren geht es um eine der damals populären Freakshows. Dabei wurden behinderte oder irgendwie von der Norm abweichende Menschen zur Schau gestellt, gequält und verspottet: menschenverachtend und heute zum Glück undenkbar. Das Grenzüberschreitende der Filmvorlage reizte Komponist Moritz Eggert aber offenbar mehr, als es ihn abschreckte, und so entstand zusammen mit der Librettistin Hannah Dübgen die Oper Freax.

FREAX - Foto: Jochen Quast
FREAX – Foto: Jochen Quast
Bis zur Uraufführung dauerte es aber noch eine ganze Weile: Eigentlich sollte die Oper vor über einem Jahrzehnt in Bonn auf die Bühne kommen und zwar unter der Regie von Christoph Schlingensief. Doch selbst Multitalent Schlingensief scheiterte am Thema: Wie soll man Behinderte auf der Bühne darstellen? Mit „echten“ Menschen mit Handicap oder mit Schauspielern, die eine Behinderung vortäuschen? An dem, was Schlingensief nicht gelang (oder was er nicht wollte – who knows), versuchte sich in Regensburg nun Hendrik Müller (auf Basis eines Konzepts von Jim Lucassen, der aus dem Projekt wegen Krankheit aussteigen musste).

Was Müller unter der musikalischen Leitung von Tom Woods auf die Bühne des Theaters am Bismarckplatz bringt, ist genauso schräg und aufregend wie die Story dahinter: Eine wild kreiselnde Drehbühne wirbelt Chor und Solisten durch Albträume und Zerrbilder. Die Handlung wird in ein Altenheim verlagert, der Zirkusrahmen gegen den Style einer TV-Reality-Show ausgetauscht. Für das Fremde, das die Freax verkörpern, finden Müller und Dramaturgin Ruth Zapf alternative Übersetzungen: Der Künstler als Aussenseiter der Gesellschaft, der alte Mensch als unverwertbares Endprodukt der Konsumgesellschaft, das es maximal noch bis zum sozialverträglichen Ableben zu verwahren gilt. Das sind alles kluge Ideen, die sich auch in der Ausstattung von Marc Weeger wiederfinden – bisweilen sogar humorvoll: ein blutender Jesus beim Feuchtdurchwischen, eine Madonna qualmt in der Kantine ihren Heiligenschein zu.

Vielleicht wäre es allerdings besser gewesen, sich von einigen dieser Einfälle zu verabschieden, denn so manches torpediert sich gegenseitig: Das Reality-Konzept alias Big Brother ist langsam aber sicher etwas outdated. Das Setting soll an die Casa Verdi in Mailand, ein wohltätiges Heim für verarmte Künstler, erinnern, worauf ein Plakat der Scala und einer Fotografie von Giuseppe subtil hinweisen. So subtil, dass man dafür dir Einführung oder das (immerhin sehr kurzweilige) Programmheft braucht – von alleine erschließt sich das nicht. Gleichzeitig gibt es einen irren Altenheimchef, der mit irgendeiner Show, die aber mit dem Heim nichts zu tun hat, Profit machen will. Warum soll dafür Isabella jetzt gleich nochmal Franz heiraten? Durch das alles hüpft dann auch noch der skurpellose Showmoderator und schiebt eine schwangere Seniorin durch den Lamettavorhang. Das ist reichlich verwirrend und spießt sich gerade im zweiten Teil des öfteren mit dem Text. Schlingensief soll – so berichtet Intendant Neundorff, der damals Dramaturg in Bonn war – überlegt haben, die Oper ohne Dübgens Libretto aufzuführen. Verdenken kann man ihm das angesichts der teils kitschigen, teils prätentiösen Wortschwälle nicht.

FREAX: Otto Katzameier, Foto: Jochen Quast
FREAX: Otto Katzameier, Foto: Jochen Quast
Doch all das tritt in den Hintergrund angesichts der aufregenden Musik Eggerts, die vom Philharmonischen Orchester in einer fulminanten Darbietung in den Saal schallt: Klangteppiche und Geräuschflächen einerseits, verfremdete Ohrwürmer von Ode an die Freude bis Süßer die Glocken nie klingen andererseits. Das ist selten klassisch schön, aber immer spannend und (im besten Sinne des Wortes) interessant. Da Oper meist mit der Leistung der Solisten steht und fällt, ist es auch im Falle von Freax das engagierte Ensemble, das den Abend zu einem Erlebnis werden lässt: Matthias Laferi, lange auf kleinere Parts abonniert, füllt die Rolle des Franz nicht nur aus, sondern gibt ihr Charakter in Spiel und Gesang. Als sexbesessene Isabella steht ihm Michaela Schneider in nichts nach, auch wenn ihre Figur kaum inhaltliche Tiefe zulässt. Matthias Wölbitsch als blutrünstig-grausamer Showmoderator Hilbert überzeugt ebenso wie Vera Semieniuk als gebrechliche Lea – die einzig halbwegs gute Seele in der Horrorgesellschaft. Ruth Müller und Theodora Varga geben die bizarren Zwillingsschwestern; als weitere Freax schmettern oder jaulen sich – je nach dem was die schräge Komposition gerade erfordert –  Theodora Egorova, Adam Kruzel und Steven Ebel über die Linoleumböden des Altersheims. Hinzu kommt der wie immer herausragende Chor unter der Leitung von Alistair Lilley, aus dessen Reihen Elena Lin und Kathrin Poemmerl als Horror-Krankenschwestern einen charmant-wahnhaften Soloauftritt hinlegen. Zum einzigen, aber in höchstem Maße verdienten Szenenapplaus riss Otto Katzameier das Premierenpublikum hin. Als Transgender Dominique – oder Hermaphrodite, wie es früher mal hieß – sang er ein Duett mit sich selbst: Überschläge in ungeahnte Höhen der Kopfstimme inklusive. Mit einer ebenso herzzerreissenden wie wunderschönen Arie schlitzte er sich die Pulsadern auf und versank blutend in einer Badewanne. Das dramatische Highlight des Abends!

Was bleibt?

FreaX – Satz mit x, das war wohl nix? Nix Langweiliges, Gewöhnliches oder Betuliches! Eggerts Oper in Müllers einfallsreicher Inszenierung ist eine Herausforderung an Augen und Ohren, aber eine die der Mühe wert ist.
Kleiner Warnhinweis: Spritzendes Blut, wildes Herumgevögle und irres Gekreische sollte man aber schon mögen…

#WasmachtdieNonneda? #Dschungelcamplässtgrüßen #ZwischenDemenzundDrogenrausch

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