Lametta-Lektüre

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Auf die Bühne, fertig, los!

“Theater!” und “Shakespeare!”
von Katharina Mahrenholtz mit Illustrationen von Dawn Parisi
erschienen 2014 im Hofmann und Campe Verlag / Atlantik

Bei Werken, die in (mal mehr mal weniger) überschaubarem Umfang große Themenkomplexe abfrühstücken, spricht man oft von einem “Parforceritt”. Auf einen solchen Teufelsgalopp durch die Theatergeschichte begeben sich auch Katharina Mahrenholtz und Illustratorin Dawn Parisi mit “Theater!” – allerdings reiten sie dabei eher ein wildgewordenes Pony auf Speed denn einen kunsthistorischen Gaul.

Mit Witz, Charme und dem Mantra “kurz und knackig” bringen sie dem Leser die wichtigsten Theaterstücke von der Antike bis zur Gegenwart nahe. Neben der Inhaltsangabe, die ohne weitschweifige Beschreibungen auskommt, gibt’s Wissenswertes zu ausgewählten Autoren und Epochen. Das klingt erst einmal alles ziemlich nach Standard, ist es aber ganz und gar nicht: in den Smalltalk-Infos erfährt man, welche Details man wissen sollte um beim Bullshit-Bingo zu gewinnen. Zum Beispiel: Name eines Stücks, das Schauspieler nie erwähnen? Macbeth! Das soll nämlich angeblich Unglück bringen. Was heute nur noch ein Aberglaube ist, war zu Shakespeares Zeiten blutige Realität, denn in den Fechtszenen wurde damals noch mit echten Klingen gekämpft. Autsch! Ebenfalls schmerzhaft aber in anderer Hinsicht: Die männlichen Hauptfiguren in Mark Ravenhills „Shoppen & Ficken“ (ja, das Stück gibts wirklich) heißen Robbie, Mark und Gary – benannt nach den Jungs der Boyband Take That. Back for good…

So sah der gute William S. angeblich aus. Schneidig, aber das Outfit...
So sah der gute William S. angeblich aus. Schneidig, aber das Outfit…

Wem selbst die knappen Texte von Mahrenholtz noch zu lang sind, dem helfen Comics von Parisi auf die Sprünge oder die liebevoll gestalteten Schautafeln. Der Sprachstil erinnert nur gerade so viel an Jugendkultur-Slang, dass es nicht peinlich oder anbiedernd wird. Fremdwörter-Weitwurf und Name-Dropping? Fehlanzeige, dafür jede Menge gut strukturierte Information.

Theater? Aber mit Ausrufezeichen!

Die Begeisterung für eine der ältesten Kunstformen der Menschheit springt einem auf jeder Seite ebenso entgegen wie die Überzeugung der Autorinnen, dass das alles nun wirklich keine bierernste Angelegenheit ist. Ein bisschen Theaternerd muss man vielleicht schon sein, um sich für so ein Buch zu interessieren; Freude am Lesen dürften aber auch Studierende der verschiedenen Literaturwissenschaften haben (denn ein etwas Abwechslung zu trockenen Uniskripten schadet selten) oder einfach jeder, der mehr über die Bretter, die für so manchen auch heute noch die Welt bedeuten, wissen möchte.

Mit „Shakespeare!“ gibt es übrigens ein kleines, aber feines Add-on von Mahrenholtz und Parisi, in dem sie im selben Stil sämtliche Shakespeare Dramen, sein Leben und sonstiges Schaffen auf 80 quadratischen Seiten durchexerzieren. Praktisches Format auch für den Ikea-Mininachttisch und eine nette Reminiszenz ans vergangene Shakespeare-Jahr.

Nieder mit dem Postfaktischen!

“Lob des Realismus”
von Bernd Stegemann
erschienen 2015 im Theater der Zeit Verlag

Liegt die Realität im Auge des Betrachters?
Liegt die Realität im Auge des Betrachters?

Um Weltpolitik geht es bei Stegemanns “Lob des Realismus” nicht, sondern ums Theater. Dass das aber eine verdammt politische Sache ist – und auch schon immer war – zeigen die Ausführungen des Dramaturgen und Theaterprofessors recht deutlich. Was mit einem mächtigen Titel daherkommt, ist in der Ausarbeitung erfreulich kompakt geraten. In der Auseinandersetzung mit Theorietexten von Maxim Gorki, über Bertolt Brecht, zu Slavoj Zizek führt Stegemann seine Beweischrift, die zu einem Theater jenseits der Performance aufruft. Der theoretischen Behandlung lässt er „Berichte aus der Arbeitswelt“ folgen, zum Beispiel zu Ibsens „Volksfeind“ oder „Kill your Darlings“ von Rene Pollesch.

Stegemann fackelt nicht lange bei seiner Darstellung: Gob Squad, She She Pop oder Rimini Protokoll sind seine Sache nicht. Kein Wunder – so die Kritik, die es nach der Veröffentlichung hagelte – schließlich sei der gute Mann ja eine etablierte Figur im institutionalisierten deutschen Theaterwesen. Da könne man leicht auf die freie Szene, in der Postdramatik und Performance immer noch florieren, niedermachen. Und in der Tat, man kann sich irgendwie nur schwer vorstellen, dass Zuschauermassen aus dem Regensburger Umland ins Theater am Bismarckplatz strömen, um 50 Grades of Shame zu sehen. Die neueste Produktion der Performer von She She Pop gastiert derzeit in den Münchner Kammerspielen, mit Abstechern etwa zum Berliner HAU. Das Hebbel am Ufer (HAU), gegründet vom aktuellen Kammerspiele-Chef Matthias Lilienthal, wurde vom scheidenden Berliner Ensemble (BE) -Intendanten Claus Peymann, einmal als Eventschuppen bezeichnet. Und das war definitiv nicht als Kompliment gemeint!

Der Streit um die Performance ist also wahrlich kein neuer, aber immer noch  ein sehr aktueller. Man kann dazu unterschiedlicher Meinung sein. Stegemanns Traktat beleuchtet die Situation zweifelsohne nur einseitig. Die Stärke von „Lob des Realismus“ liegt allerdings auch nicht im Beschreiten von ausgetretenen Pfaden: Kritik am postdramatischen Theater – ein alter Hut und hier auch noch reichlich ideologisch betrieben.

Dennoch lohnt sich die Lektüre und zwar wegen Stegemanns Appell nicht einfach wegzuschauen: “Es gibt eine Realität, und wir können versuchen, sie zu verstehen.” Eine kernige Behauptung in Zeiten, in denen der designierte US-Präsident sein Land über einen Kurznachrichtendienst regiert, in denen „Lügenpresse!!1!!11!“ von denjenigen am lautesten gebrüllt wird, die die Printausgabe einer Tageszeitung nur von Instagramschnappschüssen eines Bahnhofskiosk kennen und die gefühlte Wahrheit ihr Fakenews-Kriegsgeheul über dem in die Gosse getrollten Körper des Gutmenschen anstimmt.

zeitungen_2017Zwischen all dem “Man wird dann noch Sagen dürfen” findet sich der Anstand als Relikt einer vergangenen Epoche, die es vielleicht nie gegeben hat, unter der flackernden Leuchtreklame der political correctness wieder und da meint der gute Herr Stegemann noch von Realität sprechen zu können?

Ja, und das ist gut so.

Theater mag im subventionierten Kulturhaushalt mit ökonomischem Rechtfertigungsdruck kämpfen – daran dass es eine wichtige Aufgabe hat, ändert das aber nichts. Im Gegenteil. Doch um all die vielen Dinge, die Theater leisten soll – Reflektionsräume und Projektionsflächen schaffen zum Beispiel und am besten damit auch gleich noch die Freiheit des Denkens bewahren –, tatsächlich zu verwirklichen, braucht es Mut. Mut zu einer Haltung, zum Beziehen von Positionen und auch die Bereitschaft zu Erklärungsversuchen – immer mit dem kalkulierten Risiko damit eben auch auf die Nase zu fallen. Theater soll in Stegmanns Sinne bereit sein, sich mit Realität auseinanderzusetzen anstatt vor den Unklarheiten der Welt zu kapitulieren. Das aber ist – jenseits der lustvollen Polemik Stegemanns – eine essentielle Grundbedingung, wenn Theater 2017 und darüber hinaus gesellschaftlich relevant sein will. Über die ästhetische Form dessen darf dann gerne genüsslich weiter gestritten werden.