Hitler mit Schleifchen

"Frühling für Hitler" wird zum überraschenden Smash-Hit des Broadways - dank Roger DeBris (Matthias Laferi) als Hitler
"Frühling für Hitler" wird zum überraschenden Smash-Hit des Broadways - dank Roger DeBris (Matthias Laferi) als Hitler
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The Producers

von Mel Brooks
Premiere: 10.12.2016, Theater am Bismarckplatz
Regie: Dominik Wilgenbus – Musikalische Leitung: Alistair Lilley – Dramaturgie: Christina Schmidt – Choreographie: Yuki Mori – Steppchoreographie: Tamás Mester – Bühne: Peter Engel – Kostüme: Claudia Doderer – Mit: Sebastian M. Winkler, Benno Schulz, Christian Schossig, Matthias Laferi, Tamás Mester, Martina Fender, Jacob Keller, Elena Lin, Christiana Knaus, Mert Öztaner, Sehoon Ha, Rae-Joo Kim, Alessio Burani, Alexandra Jobst, Harald Mück, Thomas Lackinger, Arpad Vulkan, Mikhail Kuldyaev, ausserdem dem Rest des Opernchors und des Tanzensembles, mit Teilen des Orchesters

 

Worum gehts:

Einem treuen Abonnentenpublikum dieses Stück zu erklären, ist bestimmt nicht so einfach. „Wie?“, fragen sich da besorgte Karteninhaber, „ihr habt das schlechteste Stück genommen, und den schlechtesten Regisseur und die schlechtesten Darsteller? Und das sollen wir uns angucken? Worum um alles in der Welt geht es denn in diesem Ding?“ Wenn man dann in die skeptischen Gesichter blickt und „Ähm, also. Äh, es geht um Hitler“ nuschelt, ist der entsetzte Griff an die Perlenkette vorprogrammiert. Dabei ist „The Producers“ am Theater Regensburg ein riesiger Spass. Ja, trotz Hitler. Und einem bayerischen Nazi-Batzi.

Aber von vorn:

The Producers - Max Bialystock (Sebastian M. Winkler) überzeugt Leo Bloom (Benno Schulz), in seinen Plan vom großen Flop mit einzusteigen
The Producers – Max Bialystock (Sebastian M. Winkler) überzeugt Leo Bloom (Benno Schulz), in seinen Plan vom großen Flop mit einzusteigen

Max Bialystock ist Broadway-Producer. Leider einer von der Sorte, die ihre besten Tage schon hinter sich haben. Sein neurotischer Buchhalter Leo Bloom, der insgeheim schon immer zum Broadway wollte, aber viel zu langweilig war, entdeckt durch Zufall, dass man mit einem Flop viel mehr Geld machen kann als mit einem Hit. Also beginnen die beiden, die Zutaten für einen garantierten Broadway-Flop zu generieren. Sie finden das schlechteste Stück aller Zeiten namens „Frühling für Hitler – eine heitere Posse mit Adolf und Eva in Berchtesgaden“, geschrieben vom glühenden Altnazi Franz Liebkind. Der züchtet Nazitauben (komplett mit kleiner Hakenkreuzbinde am Flügel, detailverliebte und sarkastische Ausstattung Peter Engel) und verlangt Bialystock und Bloom erstmal den „Siegfried-Eid“ ab (den sie mit erhobenem Mittelfinger leisten), bevor sie sein Stück produzieren dürfen.

Danach muss der schlechteste Regisseur gefunden werden: in Roger (sprich: Rocher) DeBris haben sie den richtigen Mann gefunden. Der Experte für oberflächlichen Flitterkram, der seine Gäste im Kleid als Crysler-Buidling (oder wahlweise Trumptower) begrüsst, nimmt die neue Herausforderung an – allerdings müsse er erst den zweiten Akt umschreiben, denn dass Hitler den Zweiten Weltkrieg am Ende verliere, das wäre ja zu deprimierend. Als dann auch noch die Schwedin Ulla Inga Hansen Benson Yonsen Tallen-Hallen Svaden-Svanson bei ihnen ins Büro schneit und die Hauptrolle bekommt, sind sich Max und Leo sicher, alle Zutaten für einen garantierten Flop beisammen zu haben. Doch leider läuft nicht immer alles nach Plan, und diese Vollkatastrophe einer Produktion wird tatsächlich zum Erfolg….

 

Wie wir das finden:

Kurz vor Weihnachten hat das Theater spartenübergreifend noch schnell die große Show rausgeholt: fast alle Sparten sind an dem Großereignis beteiligt und füllen die Bühne mit den skurrilen Figuren, mit denen Brooks sein Stück bevölkert. Regisseur Wilgenbus und Choreograph Mori bleiben dabei sehr eng an der Choreographie und der visuellen Ästhetik des Film-Remakes von 2005, was aber dem Spass keinen Abbruch tut. Denn „The Producers“ ist keine psychologische Analyse, ob wir in diesen Zeiten über Nazis und Hitler lachen dürfen, es stellt keine tiefgründigen Fragen nach gesellschaftspolitischen Zusammenhängen und will auch beileibe keine Antworten anbieten. Es ist im Gegenteil ein mit liebevollen Details angereicherter Quatsch, der nicht nur alte und neue Nazis aufs Korn nimmt („Eine Frau als Hitler? Ich weiss ja nicht“ heisst es an einer Stelle im Stück. „Nicht Frau – Frauke!“ ist die prompte Antwort der Anwärterin, die die Rolle dann doch nicht bekommt), sondern auch den Theaterbetrieb persifliert („Schauspieler sind doch keine Tiere!“ ruft Leo. „Nicht? Warst du schon mal mit einem zusammen essen?“ sagt Max darauf).

Bialystock (Sebastian M. Winkler) finanziert seine Broadway-Stücke mit der Hilfe finanzkräftiger alter Damen (Jacob Keller), die dafür allerdings... Gegenleistungen erwarten.
Bialystock (Sebastian M. Winkler) finanziert seine Broadway-Stücke mit der Hilfe finanzkräftiger alter Damen (Jacob Keller), die dafür allerdings… Gegenleistungen erwarten.

Mit Sebastian M. Winkler und Benno Schulz Schauspieler und nicht Musiktheater-Kräfte in einem Musical zu besetzen, hätte durchaus eine Flop-Idee im Producers-Stile sein können, doch die beiden funktionieren hervorragend in diesem Setting. Gesanglich souverän und im Spiel extrem agil, nimmt man Winkler die Rolle des „has-been“ ab, der alte Damen für ihre finanzielle Unterstützung verführen muss, auch wenn er eigentlich noch zu jung dafür ist. Für Schulz ist die Rolle des hysterischen Neurotikers eh wie auf den Leib geschneidert, und er steppt, tanzt und singt dabei, als hätte er in den letzten Spielzeiten am Theater Regensburg nichts anderes gemacht.

Dass der Nazi Franz Liebkind ein Bayer ist, hat mich besonders gefreut (große Solorolle für Opernchormitglied Christian Schossig): wenn er das Orchester anherrscht, er wolle jetzt ein Lied singen, und zwar „in Tonlage B wie Bunker“ dann ist das großes Kino. Man muss den Klamauk schon mögen, um dieser Produktion etwas abgewinnen zu können, aber dann wird man nicht enttäuscht. Ob Gehhilfen- oder Hakenkreuz-Choreographie oder Jacob Keller als liebestolle alte Dame (die dem Regisseur Wilgenbus beim Applaus schnell noch einen Scheck zuschiebt), ob tanzende und singende Hitlers oder YMCA-Konga-Parade – es sind alle Geschmacklosigkeiten am Start, und jede einzelne davon ist lustig.

 

Wer geht da rein:

Nicht unbedingt fanatische Weihnachtsbesinnlichkeitsfetischisten, aber alle, die der Meinung sind, dass man schon verloren hat, wenn man trotz ernster Weltlage nicht mehr lachen kann. Und der frenetische Applaus am Premierenabend machte deutlich, dass ein bisschen Quatsch ab und zu das ist, von dem wir 2016 viel zu wenig hatten.

#KeineFrauAlsHitlerSondernFrauke #HitlerUntermBaum #WennManNichtMehrLachenKannIstAuchSchonAllesVorbei #HeilMirSelbst #Nazitauben