Ab ins Småland?!

Atmen | Schauspiel | Theater Regensburg
ATMEN: Robert Herrmanns, Verena M. Bauer, Foto: Christina Iberl
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Macmillans „Atmen“ steht seit seiner deutschen Erstaufführung an der Berliner Schaubühne vor drei Jahren landauf landab auf den Spielplänen der Stadttheater. Das ist thematisch nicht verwunderlich, denn ein Stück über die Generation Y und ihre Hipster-Probleme spricht eine junge Zielgruppe an, die man dringend als Zuschauer gewinnen möchte.

Atmen

von Duncan Macmillan (deutschsprachige Fassung von Corinna Brocher)

Inszenierung: Jona Manow – Ausstattung: Monika Frenz – Licht: Wanja Ostrower – Video: Christina Iberl –Dramaturgie: Meike Sasse – Mit: Verena Maria Bauer & Robert Herrmanns

Jenseits von Häkelmütze und Manufactum-Behaglichkeit

Frau und Mann, beide so etwa Anfang 30, laufen durch einen Ikea. Was ein ganz normaler Einkauf zwischen Billy, Expedit und der Geschirrabteilung hätte werden sollen, artet plötzlich zu einer hitzigen Diskussion über die Zukunft, das Leben, die Welt und vor allem das Kinderkriegen aus. Viele Szenen später ist soviel Porzellan zerschlagen, dass die Beziehung schließlich zerbricht wie ein Glas der Serie Rättvig oder wie der Rotweinschwenker Svalka.

Das waren jetzt ein paar Glasbruchmetaphern zuviel? Stimmt, aber sie haben beim Tippen doch so verdammt viel Spaß gemacht! Ungefähr so kann man sich wohl den Schreibprozess von Macmillan bei seinem Stück Atmen vorstellen: Der Brite nimmt einen ganzen Berg von Klischees und Stereotypen und packt ihn in eine Unzahl von Ping-Pong-Dialogen. Was dabei herauskommt, ist bisweilen amüsant: Gekonnt wird sich über das propagierte Umweltbewusstsein (Denk an Deinen CO2-Fußabdruck!) und die vorgeschobene Sorge um die Ärmsten der Welt (Ich spende Geld und trenne meinen Müll, was kann man denn sonst noch verlangen?!) lustig gemacht, während gleichzeitig der nächste Frappuccino Low Fat Latte eben doch aus Starbucksbecher geschlürft wird (Ist halt grad so praktisch…). Macmillan überspannt dabei allerdings den Bogen deutlich und rutscht ins Seichte ab. Flache Witzchen (Frauen drehen durch, wenn sie ihre Tage haben, und Männer denken nur mit ihrem Schwanz.) wie man sie aus schlechten Comedyprogrammen kennt inklusive.

Gut gestrichen, viel gewonnen

Mit seiner Inszenierung macht Jona Manow daher genau das Richtige und dampft zusammen mit Dramaturgin Meike Sasse die Geschwätzigkeit von Atmen massiv ein. Was übrig bleibt, ist ein verbaler Schlagabtausch, der durch das rasante Spiel von Verena Maria Bauer und Robert Herrmanns auf der gelungenen Bühne von Monika Frenz eine ganz eigene Dynamik entwickelt. Herrmanns gibt den sensiblen neuen Mann, der alles miterleben und verstehen möchte – vor allem wie es sich so anfühlt, wenn frau schwanger ist. Die Frage, was ein Kind aus ihrem Leben, ihren Träumen und nicht zuletzt ihrer Karriere macht, plagen hingegen Bauer. Stark ist die Inszenierung vor allem in den lauten Momenten, wenn das Möbelpodest zum wilden Karussell mutiert. Ob durch das Auge einer Videokamera oder mit Hilfe vollflächiger Projektionen (Video: Christina Iberl) auf die Kulisse – Frenz‘ Setup bietet eine Vielzahl an Spielflächen, die alle exzessiv genutzt werden. Die Bühne unterstützt dabei die schnellen Schnitte und abrupten Szenenwechsel, die dank eines exakten Timings der Schauspieler und der klugen Lichtführung (Wanja Ostrower) bei der Premiere bestens funktionieren.

Die Liebe zwischen Likes, Herzchen und hochgereckten Daumen

Manow nimmt den Weltverbesserungs-Background des Stücks ernst – aber eben nicht die Figuren: Sie überzeichnet er, so krass es nur geht. Bauer turnt mal lasziv, mal aggressiv über den Schrank, geriert sich als Muttergottheit und trällert ein schmalziges Liedchen. Herrmanns gibt den weichen Schluffi im Holzfällerhemd, dessen Horizont bei aller Pseudo-Weltläufigkeit so beschränkt ist wie seine Skinny Jeans eng. Social Media von der Wiege bis zum Grab? Klar, gleich mal sexy Selfies beim Kinderproduktionsakt machen und ab damit ins Netz, respektive den Flachbildschirm an der Kulissenwand. Mit dem richtigen Maß an „Zuviel“ gelingt Herrmanns und Bauer eine ins Absurde gesteigerte Skizze, die die selbstgehäkelte Wohlfühl-Maske des Betroffenheitsnarzismus sichtbar macht.

Die leiseren Momente, etwa die Trauer bei der Fehlgeburt, hingegen schwächeln – zu sentimental, zu kitschig. Das aber ist nicht den Schauspielern geschuldet, sondern ausschließlich der Textvorlage. Macmillan begibt sich mit der ungewollten Schwangerschaft (ungeschützter Break-up-Rebound-whatever-Sex… seriously?!) endgültig auf das glitschige Parkett der Soap Opera. Da schlittert Manow aber nicht mit und lässt – keine Sekunde zu früh oder zu spät – den Vorhang fallen.

Was bleibt am Ende?

Ein wunderbar turbulenter Abend, der allen Generation Y’lern (und da gehört auch die Rezensentin mit Ach und Krach gerade noch so dazu) einen amüsanten Spiegel vorhält und dabei auch gar nicht erst versucht, Lösungen anzubieten.
Die Welt ist nach diesem Theaterbesuch keine bessere, die Überbevölkerung steigt weiter und im Mülleimer am Haidplatz türmen sich die Pappbecher. Aber dafür hat man gesehen, was ein junges Team (das vom Regisseur, über die Dramaturgin bis hin zu den ambitionierten Darstellern auch Teil der persiflierten Generation ist) aus einem mittelmäßigen Stoff mit Leidenschaft herausholen kann. Das macht dann doch wieder Hoffnung für die Zukunft – zumindest die des Theaters.

#Parkplatztherapie #TigerinderWanne #WollmützeDIY



 

Das klingt gut – so richtig YOLO? Oder doch eher so, als wär ne runde Binge-Watching daheim die bessere Alternative?
Findet es heraus und sprecht mit uns darüber. Und zwar ganz real und ohne Tastatur dazwischen!
Am 17. Dezember gibts zum ersten Mal

Theater&Bier 

Ein Kooperationsprojekt von Samt&Selters
mit dem Theater Regensburg.

Wir gehen zusammen mit euch in die Vorstellung und nachher auf ein Bier (oder mehr…) in die Filmbühne. Mit dabei sind Daniel Thierjung (Dramaturg und Theaterpädagoge), Produktionsmitglieder von Atmen (wer genau, wird noch nicht verraten) und natürlich Judith&Tina von Samt&Selters. Nähere Infos dazu im Spielplan und auf Facebook (entweder bei uns oder beim Theater)!