Ding dong, die Hex ist tot

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Der Zauberer der Smaragdenstadt

Stephan Beer und Georg Burger, nach einer Erzählung von Alexander Wolkow
Premiere: 27. November 2016, Velodrom
Regie: Maria-Elena Hackbarth – Bühne und Kostüme: Gabriela Neubauer – Dramaturgie: Daniel Thierjung – Musik: Christian Kuzio – Choreographie: Luciano Di Natale – Mit: Franziska Plüschke, Stephan Hirschpointner, Marcel Klein, Ludwig Hohl, Sven Brormann, Henriette Heine, Flora Pulina, Mira Leibold, Christina Miceli

 

Worum gehts:

Dorothy Elli gerät in einen von der bösen Osthexe Hexe Gingema erzeugten Wirbelsturm, der mit ironischer Gerechtigkeit gleich erstmal für das Ableben der Hexe sorgt – Elli landet nämlich mit ihrem Haus direkt auf Gingemas Kopf und ding dong: die Hex ist tot. In diesem Land namens Oz Wunderland wird Elli, das sagt ihr die gute Nordhexe Fee Willina, drei Freunde finden, und gemeinsam werden sie zum Zauberer, der Smaragde kackt Smaragdenstadt reisen – denn nur er allein könnte eine Lösung für Ellis Problem haben. Dass die Lösung am Ende näher liegt als von allen gedacht, und dass Menschen nicht immer das sind, für das sie sich selbst halten oder gehalten werden, ist schon aus der Geschichte von L. Frank Baum hinreichend bekannt. Alexander Wolkow hat sich den Roman 1939 übersetzend angeeignet und zu einer russischen Geschichte umgeschrieben. Stephan Beer und Georg Burger haben letztes Jahr eine Bühnenfassung für das Schauspiel Leipzig daraus gemacht, die nun auch in Regensburg zur Aufführung gelangt ist.

Da die Ausstattung sehr reduziert daherkommt (Bühne und Kostüme Gabriele Neubauer), liegt das Augenmerk auf den detailreich in Szene gesetzten Figuren und dem aus Licht (Leo Göbl) und Musik (Christian Kuzio) gebauten Räumen. Wenn Franziska Plüschke als Elli auf der Mundharmonika, Marcel Klein als Blechmann auf seinem Waschbrettbauch, Stephan Hirschpointner als Scheuch auf der Ukulele und Ludwig Hohl als Hipster-Löwe auf Blechmanns Ölifant ein Liedchen spielen, wünscht man sich diese Szene ins kleine, heimelige Junge Theater, anstatt sie auf der großen, leeren Velo-Bühne zu sehen.

Wie wir das finden:

Denn dass das Weihnachtsmärchen als jährlich wiederkehrendes Spektakel für Kinder und Familien eine in der Theaterwelt umstrittene Praxis ist, wissen Samt&Selters-Leser spätestens seit der Podiumsdiskussion zum Thema „Kunst oder Kommerz – schafft das Weihnachtsmärchen ab!“ bei den Bayerischen Theatertagen: man spielt das ganze Jahr intimes Kammerspiel vor einem Publikum, zu dem man – aufgrund der räumlichen Nähe im Jungen Theater und der begrenzten Zuschauerzahl – im Laufe der Vorstellung eine dynamische Beziehung aufbaut. Kurz vor Jahresschluss wird man dann ins Velodrom geholt, weil, so sagte es Intendant Neundorff von Enzberg auf der Podiumsdiskussion im Sommer, 40.000 Kinder aus Regensburg und dem Umland das Märchen sehen wollen. Auf einmal zack: Mikroports, große Bühne, 700 Kinder pro Vorstellung, Unterstützung durch Gäste (Sven Brormann als Oz, Flora Pulina als böse Westhexe Bastinda) und Schauspielschülerinnen/Absolventinnen (Mira Leibold, Christina Miceli, Henriette Heine). Dass das trotzdem größtenteils funktioniert, ist dem gut aufeinander eingespielten Ensemble des Jungen Theaters zu verdanken, das sich an die neuen Gegebenheiten anpasst und soweit rausspielt, dass auch der letzte Quatschmacher aus der 6b, der oben auf dem Rang sitzt, noch was mitbekommt.

Dass die Voraussetzungen des Raumes nicht jedem zum Vorteil gereichen, sieht man exemplarisch an der Figur der Bastinda. Gastschauspielerin Flora Pulina spielt sie so dermaßen drüber und hysterisch, dass mir in Reihe 5 die Schamesröte ins Gesicht stieg. Die vielzitierte Augenhöhe, auf der man Theater für Kinder macht: in dieser Figur wurde sie radikal gegen eine Krawalligkeit und Gezwungenheit eingetauscht, die nicht zur soliden Leistung des restlichen Ensembles passen will und die alle Grundsätze von gutem Kindertheater – selbst im Spektakel – konterkariert.

Und so sehr man den Schauspielern des Jungen Theaters die große Bühne gönnen will, und so schön es ist, dass auch dieses Jahr wieder zehntausende Kinder mit dem Theater in Berührung kommen – man wünscht ihnen allen ein Wiedersehen im Jungen Theater im neuen Jahr.
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