Beben der Sockelgötter

Goethe. Schiller. Bob Dylan
Goethe. Schiller. Bob Dylan - Eigenproduktion des Turmtheaters Regensburg; Foto: Alba Falchi
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Goethe. Schiller. Bob Dylan — Drei Poeten, aber nur einer hat den Nobelpreis gewonnen. Zugegebenermaßen wäre im Fall der ersten beiden Herren eine Wiedergeburt nötig gewesen, hätten sie die Auszeichnung bekommen wollen. Denn verliehen wird der Nobelpreis für Literatur erst seit 1901. Aber wer braucht den schon, wenn man stattdessen einen Lorbeerkranz sein Eigen nennen darf? Das Turmtheater reagiert spontan auf die Ereignisse in Stockholm und holt die drei Barden auf die Bühne.

Goethe. Schiller. Bob Dylan

Eigenproduktion des Turmtheaters Regensburg

Regie: Michael Bleiziffer – Bühne&Kostüm: Katharina Claudia Dobner – Musikarrangement: Petra Fierlbeck– Mit: Martin Hofer, Undine Schneider und Petra Fierlbeck

Premiere am 17. November 2016 , rezensierte Aufführung: 21. November 2016

 

Worum geht’s?

Bob Dylan hat den Nobelpreis gewonnen. Das ist ihm herzlich egal. Er singt einfach weiter. Goethe und Schiller hingegen steigen herab von ihrem Weimarer Sockel und geben ihrerseits Lyrisches zum Besten.

Was passiert?

Regisseur Michael Bleiziffer widersteht der Versuchung auf die Schnelle eine Handlung zusammen zu zimmern, um die herum Songs und Gedichte arrangiert werden. Stattdessen setzt er ganz auf Text und Schauspieler. Was dabei herausgekommen ist, ist ein unterhaltsamer und kurzweiliger Abend, der die Klassiker zu neuem Leben erweckt. Das funktioniert auch ganz plastisch, wenn Goethe und Schiller in den schicken Stein-Kostümen von Katharina Claudia Dobner ihre starren Posen aufgeben, um zu sehen, was dieser komische Musiker mit seiner Gitarre so treibt.
Martin Hofer und Undine Schneider als die beiden Dichter-Granden erzählen vom Erlkönig, als wären sie selbst durch Nacht und Wind geritten. Wen bei der Bürgschaft in Schulzeiten nur das kalte Grausen ergriff ob der Länge des Textes, der versteht nach diesem Abend endlich, wieviel Kraft, Dramatik und Weltverbesserungsgeist in diesen Zeilen wirklich steckt. Hofer schüttelt energetisch eine Ballade um die andere aus dem Rüschenärmel und wirkt dabei doch nie angestaubt.
Mit ihrer wunderbaren Stimme bringt Petra Fierlbeck einen Bob Dylan auf die Bühne, der gesanglich manchmal an die großartigen Joan Baez‘ Interpretation von Dylans Songs erinnert. Bleiziffer und Fierlbeck schaffen es inhaltliche Verbindungen zwischen Goethes Zeilen und Dylans Liedern herzustellen. Die zwei Königskinder, die nicht zueinander finden dürfen und schließlich den Tod finden, beantwortet ein halb hoffnungsvolles, halb melancholisches The times they are a changin. Halt! Königskinder? Das ist doch nicht von Goethe?! Nein, die Volksballade basiert auf Ovid und abgesehen davon sind auch so einige andere Texte, wie etwa Erich Kästners Sachliche Romanze, nicht von den beiden Dichterfürsten. Ein bisschen herumrästeln in der Literaturgeschichte ist auch während des Stücks durchaus erlaubt. Was fehlt? Ein kleiner Bruch im Lattenzaun (mit Zwischenraum hindurch zu schauen) wäre noch schön gewesen: ein gesungener Text von Goethe oder Schiller und eine Version von Dylans Lyrics ohne Musik.

Was bleibt?

Ein rundum gelungener Abend, der zeigt, dass Klassiker nicht dröge sind (angeblich gibt es ja immer wieder Menschen, die das glauben) und dass es schon ein oder zwei ziemlich gute Gründe für die nicht ganz unumstrittene Wahl des diesjährigen Literaturnobelpreisträgers gibt.