Mayday, mayday!

SHAKESPEARES SCHÄDEL IN FAUSTS FAUST: Fererk Brockmeyer, im Hintergrund: Jacob Keller, Gunnar Blume, Foto: Jochen Quast
SHAKESPEARES SCHÄDEL IN FAUSTS FAUST: Fererk Brockmeyer, im Hintergrund: Jacob Keller, Gunnar Blume, Foto: Jochen Quast
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Jungen Eltern rät man, ihre Kleinen nie unbeaufsichtigt in der Badewanne spielen zu lassen, denn selbst in nur zehn Zentimeter hohem Wasser können Säuglinge und Krabbelkinder ertrinken. Die Bühne des Theaters Regensburg wurde für die Premiere von Shakespeares Schädel in Fausts Faust geflutet. In dieser dramaturgischen Pfütze ereignete sich ein Untergang, der seinesgleichen sucht.

Shakespeares Schädel in Fausts Faust

Uraufführung von Werner Fritsch; Inszenierung Bernd Liepold-Mosser – Bühne und Kostüme Karla Fehlenberg – Musik Herwig Zamernik – Licht Martin Stevens – Dramaturgie Stephanie Junge

Mit: Gunnar Blume, Jacob Keller, Frerk Brockmeyer, Thomas Birnstiel, Franziska Sörensen, Andine Pfrepper, Michael Haake, Patrick O. Beck, Susanne Berckhemer, Silke Heise

Premiere am 18. November 2016, Theater Regensburg, Theater am Bismarckplatz

Wann immer Katastrophen passieren, wird im Anschluss fieberhaft nach Schuldigen gesucht. Wie konnte so etwas geschehen und wer ist verantwortlich? Diese Fragen muss man sich bei der Inszenierung von Werner Fritschs Stück zwangsläufig auch stellen, denn nachdem der Lametta-Vorhang gefallen war, konnte man sich eigentlich nur auf eins einigen: Das Bühnenbild war gut! An Karla Fehlenberg kann es also schon mal nicht gelegen haben. Glitzergardinen und eine Wand aus Regen zusammen mit spannenden Lichtspielen (ausgeleuchtet von Martin Stevens) gehörten definitiv zu den positiven Seiten eines  verstörenden Abends. Gleiches galt für die Technik: Standmikrophone auf der Bühne – ein Stilmittel, das Anfang der 2000er noch hip war – sorgen normalerweise für eher zähe Statik. Beim Schädel halfen sie hingegen dabei, etwas Ruhe ins Chaos zu bringen und lieferten – ohne Funkenschlagen in der patschnassen Kulisse – interessante Soundeffekte. Auch die Musik von Herwig Zamernik tat ihr Möglichstes, um aus dem Gewirr Im Plantschbecken noch so etwas wie Struktur zu generieren. Zermaniks musikalische Adaption des berühmten Shakespearesonetts Nummer 18 – Shall I Compare thee to a summer’s day – könnte bei entsprechender Vermarktung durchaus zum Youtube-Hit avancieren.

Wie war das jetzt nochmal mit dem Inhalt?

Falls sich der Leser oder die Leserin nun fragt: Moment, worum ging’s jetzt eigentlich? So trifft das exakt unsere Stimmungslage. Normalerweise  beginnen die Samt&Selters-Rezensionen mit diesem Punkt. Haben wir die Frage also vergessen? Nein. Wir können sie nur nicht beantworten. Shakespeares Schädel geht um nichts und gleichzeitig um alles: Krieg und Frieden, Gewalt und Macht, Mars und Venus,  männlich und weiblich… sicher auch um Reflexionen über das Theater, seine Praxis und noch mehr seine Theorie (Aristoteles‘ drei Einheiten und ihre Gegenentwürfe inklusive). Natürlich gibt es ein Programmheft, diverse Autoreninterviews, Vorberichte und jede Menge Zitate, die man googeln kann. Doch das hat erst einmal nichts mit dem Theatererlebnis zu tun. Eine Inszenierung muss funktionieren, auch ohne dass der Zuschauer eine extensive Recherche betreibt. Genau das gelingt Regisseur Liepold-Mosser jedoch nicht. Vielleicht gibt dies die Vorlage von Werner Fritsch auch nicht her. Das mag sein (was per se kein Mangel ist… außer natürlich man hat sich vorgenommen ein Theaterstück zu schreiben) und das kann nur beurteilen, wer den Text gelesen hat.

Irgendwo zwischen Captain Kirk und Galaktika vom fernen Stern Andromeda

Wie also kam es zu diesem Stück, das als Auftragswerk für das Theater Regensburg angekündigt war? 15 Jahre habe er an seinem Gesamtepos Faust Sonnengesang geschrieben und 1001 Shakespearefiguren in den Stücktext aufgenommen, so Fritsch. Im 400. Todesjahr von William Shakespeare also kein schlechter Zeitpunkt für eine Aufführung. In der Tat wateten allerlei literarische Bekannte (nicht nur aus Shakespeare) in kreativen Gummistiefel-Varianten herum: Macbeth und seine Lady, Hamlet und Ophelia, Helena, Desdemona, Fallstaff und natürlich Goethe… ach ja, nebst Hitler, Stalin und Mao. Der Auftritt des Diktatoren-Trios wirkte dank der affigen Akzente eher wie ein Kölner Terror-Dreigestirn. Der Tiefpunkt schien erreicht, als Frerk Brockmeyer, eine Art Conferencier im Raumanzug (oder besser das, was man sich bei Raumschiff Orion darunter so vorstellt) der Souffleuse in der Loge fluchend das Manuskript entriss, um daraus vorzulesen. Dieser inszenierte Megahänger war so authentisch gespielt, dass man ihn zunächst glauben konnte und sich im Zuschauerraum ehrlich fremdschämen wollte. Das aber ist eine Leistung! Sie belegt, dass man auf der Suche nach den Verantwortlichen für dieses Absaufen im Bühnenpool beim Ensemble garantiert nicht fündig wird. Dieses verdient neben Applaus auch jede Menge Mitleid: Mit spürbarer Verve lehnten sich die Schauspieler gegen das auf, was auch immer sie da eigentlich tun sollten. Statt der Erleichterung, die dem Publikum nach guten 100 Minuten ins Gesicht geschrieben stand, blickten die Darsteller beim Schlussapplaus so begossen drein, wie sie es dank der nassen Umgebung auch waren.

Titanic lässt grüßen: Mit voller Kraft voraus gegen den Text-Eisberg

Dass der Beifall so höflich ausfiel – ein paar Buhrufe hätte er vertragen, aber man wollte wohl nicht wieder den Stinkefinger von Liepold-Mosser wie bei der Faust-Premiere riskieren – ist dem Ensemble zu verdanken: Was die Schauspieler aus diesem Textungetüm noch herausholten, war tatsächlich bemerkenswert. Andine Pfrepper kroch mit Abscheu durch das kalte Wasser und hievte ausnehmend graziös ein Schlauchboot auf die Bühne. Ophelia, Helena, Nofretete – ihr gelang alles scheinbar mühelos. Patrick O. Beck spielte mit trotzigem Aufbegehren gegen den Text an und zeigte dabei, was Bühnenpräsenz ist. Er dürfte wohl der energetischste und in Sachen laszivem Diskotanz zweifellos abgedrehteste Pirat mit Kajalstrich seit Johnny Depp sein. Michael Haake gebührt Lob für die beste Improleistung des Abends: Bei dem Versuch – gehüllt in ein schwarzes Laken (weiß wäre historisch und blöd, schwarz hingegen ist Kunst) – Sophokles zu interpretieren, löste sich der angeklebte Bart, was er spontan mit seinem Text kommentierte: „Befreit“ schrie er und riss sich das baumelnde Ding vom Mund. Mit einem gekonnt gehauchten Dialog über die „Zeit, die ein Loch in unser Jetzt brennt“ ließen Gunnar Blume (als „der Autor“ mit Fritsch-Brille und Faust) und Pfrepper als Geist der Persephone für einen kurzen Moment das Herumgehampel der Figuren-Revue vergessen: „Alles brennt. Alles Heilige brennt. Und du bist außerstande, Die Welt zu deuten. Angesichts der Apokalypse Feuer. Futur der Funken.“

Doch so tapfer sich das Ensemble um Jacob Keller als der titelgebende Shakespeare’sche Schädel – der sich immerhin hinter seiner Totenkopfmaske verstecken konnte, während er als Gekreuzigter an der Wasserfall-Wand lehnte – auch abmühte, an diesem Abend war irgendwann nichts mehr zu gewinnen. Auf der Bühne beendete ein inszenatorisches Eigentor die geistige Tragikkomödie, als ein blinkendes Raumschiff von der Decke schwebte. An Bord eine Pailletten-Venus, der weder ein Kriegsgott noch Brockmeyers Moderatoren-Metaller mit seinen Plateaustiefel (seit der Loveparade hat man solche Klötze nicht mehr gesehen) etwas entgegenzusetzen hatten. Gefühlt gut zwanzig Minuten zu spät war schließlich eine Aufführung vorbei, deren Aktualität und Relevanz Regisseur Liepold-Mosser beim Interview mit dem Regionalfernsehen beschworen hatte, die sich aus der Inszenierung aber nicht im Mindesten erschlossen.

Wenn das Glück doch nicht mit den Mutigen ist…

Wer nicht wagt, der nicht gewinnt – um im Zitateschleuder-Style des Stücks zu bleiben. Gewagt hat das Theater Regensburg mit dieser Inszenierung sicherlich einiges, ob es dabei aber etwas gewonnen hat, können in letzter Instanz nur die Zuschauer entscheiden. Wer sich für gut hundert Minuten in der eigenen Bildung sonnen will, der könnte einen fröhlichen Abend beim geflegten Selbstbestätigungsbingo verleben. Shakespeares Schädel bietet ein szenisches Potpourri für freies Assoziieren und intellektuelle Klimmzüge ohne dass klar wäre, wofür eigentlich. Man kann nur hoffen, dass nicht hordenweise Schüler mit dem Schädel ihrer ersten Theatererfahrung zugeführt werden, danach brummt ihnen nämlich selbiger und man wird sie auf den Samtstühlen nie wieder sehen.

Dabeisein ist alles!? Einen Beitrag zum Shakespeare-Jubiläum hat man mit Fritsch (dem Oberpfälzer Dramatiker, der halt nicht über Schweinderl schreibt, so Intendant Neundorff) in Regensburg geleistet. Sich an einem Text, der so gar nicht für die Bühne geschrieben zu sein scheint, zu versuchen, zeugt von Mut. Und es ist gut, wenn ein Stadttheater diesen auch mal zeigt! Das heißt aber leider noch nicht, dass das Ergebnis sehenswert ist. Für den Grabstein, den diese Aufführung bald nötig haben könnte, wäre die Gravur „Man hat sich bemüht“ sicher nicht die schlechteste.

#EinbißchenFriedenGitarrenblues #Wasistdasfür1Arsch #GoetheRotiertimGrab #William2

3 thoughts on “Mayday, mayday!

  1. Ich fand’s auch grottig. Aufgeblasenes Gekasper mit wirrem Deklamieren von pseudo-intellektuellen Texthaufen.

    1. Tja, leider hat die Inszenierung für die Textebene einfach keine Bilder gefunden. Das „Sierra Madre“ Intermezzo hatte ich beim Schreiben sogar schon verdrängt. Es gab keine wirklichen Szenen und besonders für die Tanzeinlagen keine Begründung, warum die jetzt aufgeführt werden.
      Was dann herauskommt, wirkt wirr, da haben Sie Recht. Schade.

      – Judith, Samt&Selters

  2. Habe es nun heute (25.1.17) auch endlich mal gesehen. Und ja, eine seriöse Kritik hätte ich dazu nicht schreiben wollen. Ich hätte es vor allen Dingen auch nicht spielen wollen. Der Text ist ein Monstrum, die Regie eine Katastrophe und Bühne/Kostüm eine Herausforderung. Zum Glück kann ich hier einfach nur meine Meinung kund tun und brauchte nur als Zuschauer beizuwohnen.
    In einigen positiven Dingen möchte ich ganz klar zustimmen: Bildlich war die Bühne phantastisch. Und fügte sich, entgegen anfänglicher Befürchtung, gut zum Stück. Das Ensemble war tapfer. Und letztlich die Inszenierung als ganzes gewagt und ambitioniert. Zur Frage ob das funktioniert hat: Halb.
    Ich habe mich in den etwa 95 Minuten nicht gelangweilt. War immer dabei, auch wenn ich nicht mitkam. Vom Verständnis ganz zu schweigen.
    Es war sehr seltsame Kunst, die einen da überrollte. – Aber sie war auf eine verstörende Weise unterhaltsamer als manch anderes was auf dieser Bühne lief (Die Gedanken gehen zu „Die Räuber“ und auch „Zorn“ hat mir hier mehr abverlangt).
    Nichts desto trotz – als regelmäßigkeit möchte ich so eine Inszenierung nicht haben. Da haben Stücke wie „Die lächerliche Finsternis“ nicht weniger riskiert, aber mehr gewonnen. Das der gediegene Theatergänger mit dem Stück so seine Probleme hat, das überrascht mich nicht. Und auch als Theatererstkontakt wäre es nicht zu empfehlen. Aber als ich mir das Publikum so ansah, sah ich auch viel was dazwischen lag – und das ist gut.
    Das Ensemble war wie gesagt Tapfer, aber leider nicht unbedingt Erfolgreich. Frerk Brockmeyer fehlte es als Prospero-Conferencier eindeutig an Präsenz und immer wieder ging der Text nicht nur durch die (hoffentlich geplante) Geräuschkulisse sondern auch durch stumpfes Herunterlabern unter. Nicht immer, aber einfach zu viel. Wobei ich da viel verantwortung beim Regisseur sehe, der in meinen Augen viele Bilder, aber nicht den geringsten Plan hatte wo die Reise hingehen sollte. Das erwähnte Interview habe ich in der Mediathek des Regionalsenders nachgeholt (Danke für den Hinweis) und fragte mich dabei ob er sein Stück denn gesehen hat und wenn ja, jemals versucht hat seinen Blickwinkel zu hinterfragen. Aber das muss er ja nicht. Er ist ja Künstler.

    Als letzten Punkt nun die Frage: Worum geht es. Tja, ich glaube selten kann man in einem Stück so viel und doch nichts sehen wie in diesem. Ein Kommentar vom Autor würde mich interessieren. Der Satz „Wenn sie auf den Bühnen gespielt werden wollen, dürfen sie alles schreiben – nur kein Theaterstück“ wird schon seinen Grund gehabt haben. Für mich geht es um die Welt eines Autoren. Zwangsweise von Fritsch geschrieben, mit den Augen von Shakespeare gesehen. 1000 Figuren ausgedacht. Unzählige Welten ersonnen, die wiederum andere zu neuen Welten und Figuren inspirierten. Natürlich geht es im Prinzip um sehr viel – denn es wurde viel geschrieben. Und doch ist es immer dasselbe – denn sie alle stammen aus einem Kopf. Und das Chaos das in diesem Kopf geherrscht haben könnte, wenn sich alle Figuren selbstständig machen – das müsste ein Chaos sein wie es auf der Bühne statt fand.

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