Fikus der Erkenntnis

BLANK | Choreographie von Giuseppe Spota: Ensemble, Foto: Ramin Morady
BLANK | Choreographie von Giuseppe Spota: Ensemble, Foto: Ramin Morady
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Den Theaterpreis Faust konnten die Premierengäste am Sonntagabend in Yuki Moris Händen zwar nicht beklatschen. Mit „The House“ hat die Tanzsparte aber die erste Nominierung für Regensburg in der 11-jährigen Geschichte der Auszeichnung ans Haus geholt. Mit seinem innovativen Tanzkrimi aus der letzten Spielzeit lag die Latte für die Uraufführung des Duo-Abends Loops (und Blank) allerdings bedenklich hoch.

 

Loops (Uraufführungen)

Tanzabend: ›BLANK‹ von Giuseppe Spota, Musik von John Adams / ›LOOPS‹ von Yuki Mori, Musik von Simeon ten Holt

Choreographie & Inszenierung: Giuseppe Spota / Yuki Mori – Bühne & Kostüme: Monika Frenz – Licht: Wanja Ostrower – Probenleitung/Choreographische Assistenz: Christian Maier – Dramaturgie: Christina Schmidt – Ensemble: Alessio Burani, Tsung-Hsien Chen, Simone Elliott, Tiana Hogan, Yosuke Kusano, Fabian Moreira Costa, Louisa Poletti, Simonefrederick Scacchetti, Harumi Takeuchi, Pauline Torzuoli

Premiere am 6.11.2016, Velodrom, Theater Regensburg

Was gabs zu sehen?

Das mit der Handlung ist bei Tanz-Aufführungen so eine Sache. Selbst wenn es eine narrative Ebene gibt, ist die nicht immer leicht zu erkennen. Das ist ein bisschen wie mit Weinstein: Der stellt auch keinen Mangel dar, wenn er am Boden einer gut gereiften Flasche herumschwimmt, macht aber den ungetrübten Genuss mitunter schwieriger. Es sei denn man ist ein absoluter Kenner und/oder steht auf Weinstein.

LOOPS | Fabian Moreira Costa, Simonefrederick Scacchetti, Foto: Ramin Morady
LOOPS | Fabian Moreira Costa, Simonefrederick Scacchetti, Foto: Ramin Morady

Wer also ein Fan von Tanzabenden ist, an denen es um rhythmisches Feingefühl, akzentuierte Bewegungen und Ästhetik, aber kaum um Inhalte geht, darf sich über die neue Produktion des Theaters Regensburg freuen. Loops, erdacht und inszeniert vom Spartenchef des Hauses Yuki Mori in Kooperation mit Giuseppe Spota und dessen Blank bietet viel Raum für Interpretation und freie Assoziationen.
Vor allem der erste Teil des Abends, den Spota choreografiert, bleibt seinem Titel als Motto treu: In Blank, also Freiraum oder Leerstelle, vollführen die Tänzer zur minimalistischen Klangkulisse von John Adams ihre Drehungen, Hebungen und Sprünge auf einer ebenso puristischen Bühne. Holzstapel, die zunächst wie massive Wände wirken, werden nach einer Weile aufgefächert und so in buchartige Skulpturen verwandelt, die herumgeschoben und für allerlei akrobatische Figuren kunstvoll genutzt werden. Die Bewegungen wirken organisch– ein Gewebe aus Körpern, die zur abstrakten Masse verschmelzen, aus der sich dann doch energisch Individuen herausschälen.
Bildlicher gestaltet Mori den zweiten Teil: ein Gewehr, ein Aquarium, ein paar rote Pumps, Teppiche und jede Menge Äpfel werden hier herumgereicht, hochgereckt und drapiert. Es geht um Paare, irgendwie auch um Liebe und dann ist da auch noch eine Bahnstrecke. Man vermutet große Romantik – möglicherweise unter dem Kontorschreibtisch oder der Oma-Stehlampe. Für beide Teile hat Monika Frenz jeweils ein rundes Konzept für Bühne und Kostüme entwickelt, dessen Raffinesse oft erst auf den zweiten Blick sichtbar wird, etwa wenn aus einem weißen Raumanzug mit ein paar Reißverschlüssen aus Simone Elliott ein angedeuteter Schmetterling wird.

Bei der Premierenrede meinte Intendant Neundorff, er könne nicht genau sagen, welche Geschichte Mori nun erzählt habe, aber es seien auf jeden Fall viele (was ja kein Nachteil sein muss). Dementsprechend erhebt das folgende Motiv-Bingo nicht den geringsten Anspruch auf Vollständigkeit:

  • Kein Freizeichen im Aquarium – Das Theater Regensburg scheint eine große Faszination für fernmündliche Kommunikation zu haben. Denn auch bei Loops steht ein Telefon auf der Bühne. Im Gegensatz zu Carmen, wo der Fernsprecher ein ungenutztes Dasein unter einer Madonna fristete, wird er hier sogar versuchsweise in Betrieb genommen, nur um dann in einem Wasserbasin zu enden. Ein Iphone hätte das nicht überstanden.
  • An Apple a day – Auch ein öffentliches Haus, wie das Theater Regensburg, ist auf private Förderung angewiesen. Gelegentlich lässt deshalb eine örtliche Zahnarztpraxis den Rubel rollen. Die Dentisten werden ihre Freude und (man will es keinem Wünschen) demnächst auch den ein oder anderen Patienten mehr haben, so viel wie hier vollmundig in Äpfel gebissen wird. Die sündige Frucht der Bibel wird in Yuki Moris Circle of Life Darstellung mal liebkost, mal liegt sie achtlos im Aquarium. Ob Adam und Eva sich um die Erkenntnis auch geschert hätten, wenn sie von einem Fikus, wie dem auf der Bühne, gekommen wäre… man weiß es nicht. Was die Bedeutung der Topfpflanze angeht, müsste man eventuell besser nochmal die Schlange befragen.
  • These pumps aren’t made for walking – Die rotleuchtenden Stöckelschuhe wurden mal auf Händen mal an Füßen getragen, vor allem aber werden sie ausdauernd erleuchtet (Licht: Wanja Ostrower). Weniger erhellend ist hingegen ihre Rolle – machen sie den Soldaten (intensiv und energetisch getanzt von Fabian Moreira Costa) zum Pazifisten oder treiben sie ihn ins Kriegsgewirr? Wovor läuft Harumi Takeuchi mit ihrem Koffer weg? War ihr Ziel wirklich die Nordseeküste oder wurde von der DB nur die Wagenreihung geändert und es hat sie wegen Böschungsbrand auf eine Halig verschlagen?
  • Ödipussy – Wäre das Bühnenbild von Blank nicht so abstrakt, hätte vielleicht eine Freudianische Couch eine Option geboten. Es geht nämlich reichlich ödipal zu. Unter Geräuschen, die an reißendes Papier und Klebstreifen erinnern, schälen sich Gestalten aus der Wand und lassen nur ihre perforierten Umrisse zurück. Nach einer Zeit der Interaktion mit- und gegeneinander versuchen sie dann in selbige wieder zurückzukriechen. Das Stück endet mit den aufgefächerten Holzkuben, die sich zu einer überdimensionalen Vulva formieren. Ein feministischer Appell? Ein Zurück zu Mutter Natur oder doch nur die Fortsetzung des vaginalen Bühneneingangs aus der letzten Zauberflöteninszenierung?

Was bleibt?

LOOPS | Simone Elliott, Foto: Ramin Morady
LOOPS | Simone Elliott, Foto: Ramin Morady

Die Erkenntnis, dass das Regensburger Publikum – zumindest die bei der Premiere versammelte Polit- und Gesellschaftsprominenz – tanzaffin und äußert begeisterungsfreudig ist. Dass der Applaus bei jeder neuen Produktion in den letzten Jahren gleichermaßen tosend war, mag kritische Geister (mitunter zurecht) verwundern, die Darsteller darf es freuen.

Loops macht nichts falsch – wagt aber auch nicht besonders viel. Da ist nichts Angestaubtes oder Altbackenes und dennoch beschleicht einen das Gefühl, dass etwas frischer Wind perspektivisch nicht schaden könnte. Mit Simone Elliott und Alessio Burani steht ein eingespieltes Tänzerpaar auf der Bühne, das mitsamt des ebenso routinierten Ensembles – herausragend auch wieder einmal Simonefrederick Scacchetti – von Tanzmeister Christian Maier auf den Punkt trainiert wurde.
Ein hübscher Abend, dem man nichts vorwerfen kann, als etwas zu brav (und zehn Minuten zu lang) zu sein.

#PussyohneTerror #O2goesH2O #VerwandlungohneKafka