Zu Risiken und Nebenwirkungen

DAS KÄNGURU-MANIFEST | Jakob Keller als anarchisches Beuteltier, Foto: Judith Werner
DAS KÄNGURU-MANIFEST | Jacob Keller als anarchisches Beuteltier, Foto: Judith Werner
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Ein K. geht um in Europa.

Klingt nach Grippewelle? Genau! Und die ist – gerade in Verbindung mit der trüben Stimmung im grauen Regensburger Herbst – eine nicht zu unterschätzende Gefahr. Doch dagegen ist ein Kraut gewachsen. Oder vielmehr ein Känguru. Fängt ja beides verdächtigerweise mit K an.

Unser Theaterkritik-Beipackzettel zum zweiten Teil der Känguru-Chroniken (den ersten Teil gibts hier zum Nachlesen).

Bezeichnung:

Das Känguru-Manifest

Hersteller:

Marc-Uwe Kling

Darreichungsform:

Premiere am 30. Oktober 2016, Theater am Bismarckplatz, Theater Regensburg

Zusammensetzung:

Jacob Keller als cholerisches Beuteltier zwischen Weltfrust und Umsturzplanung
Michael Haake als alle anderen Figuren
Szenische Einrichtung von Daniel Thierjung
Technische Unterstützung von Leo Göbel

Anwendungsgebiet:

Depressionen aller Art, insbesondere nebelbedingte Tristesse
Pathologiesche Bürokratieallergie
Postfaktizismus-Tachykardie aufgrund von Trump&Co
Fussballer-Weisheiten-Ausschlag
Nässender Nihilismus

Symptome:

Wider Papst und Pinguine! Dem Känguru ist der neue Nachbar mit seinem seltsamen Frack auf der andere Seite des Ganges unheimlich. Mitbewohner Marc-Uwe hat aufgegeben zu hinterfragen, warum und versucht stattdessen das anarchische Beuteltier mit Pralinen zu besänftigen – ohne Schnapsfüllung hat er da aber keine Chance. Perspektivlos ist auch die Angestellte beim Arbeitsamt, vor der das Känguru seinen Bezügeanspruch geltend macht. Das ist ebenso kafkaesk wie der Registraturbesuch: Jemand musste das K. verleumdet haben… Vielleicht wurde es aber auch nur dabei beobachtet, wie es vor dem Marx-und-Engels-Denkmal eine lebende Schiller-Statue verprügelt hatte: „Ich bin Goethe!“ – „Lass gut sein, Friedrich!“

Wirkweise:

Hören sich Haake und Keller wie Klings Radiostimme an? Nein, auch die zweite Lesung am Theater Regensburg ist keine Kopie des Hörbuch-Bestsellers. Und das ist auch gut so. Jacob Keller nuschelt, deklamiert und brüllt sich als Känguru durch den Alltag, der nur ein klein wenig bizarrer ist als die aktuelle Tagesschau. Das macht er mal mit lakonischem, mal mit herzzerreissend weinerlichem Gesichtsausdruck. Vielleicht kein besonderes Lob für einen Schauspieler, der in Camus‘ Caligula brillierte und diese Spielzeit in Kafkas Prozess und Hamlet zu sehen ist, aber das anarchistische Beuteltier mit Lederjacke scheint Keller wie auf den plüschüberzogenen Leib geschneidert. An seiner Seite darf Michael Haake – inzwischen der Mann für alle Fälle, insbesondere Doppel- und Dreifachrollen am Haus – im Manifest deutlich mehr aus sich herausgehen als in Teil 1. Da wird zwar ganz tief in die Dialektkiste gegriffen, aber Haakes Timing sitzt eben auch ganz ohne Drei-Wetter-Taft einfach bombig. Dass die Berlinerin Herta (Du bist hart, aber ick bin Herta) da aus Versehen in der Stimmungslage eher zur rheinischen Ulknudel verkommt, ist schade, tut dem explosiven Quatschspektakel aber keinen Abbruch. Die leiseren Stellen, die der Text anders als sein Vorgänger auch bietet, kommen dank der klugen Szenenauswahl gut zur Geltung und so darf es dann auch mal etwas melancholisch werden. „Morgen Kinder wiiihirds nichts geben… Morgen kommt der Weihnachtsmann, aber nuhuur neehebenan.“ 

Risiken und Nebenwirkungen:

Auch der zweite Teil der Känguru-Trilogie kommt mit vielen Wortwitzen daher – muss man mögen, Schankedön! Wer weder damit noch mit philosophischem Bullshit-Bingo etwas anfangen kann, sollte besser auf dem Alexanderplatz Touristen fotografieren.
Manch einer mag hochkulturbeflissen diskutieren, ob es wirklich sein muss, dass im Theatersaal das Publikum unter Anfeuerungsrufen eines Kerls im Zottelkostüm „Scheißverein!“ skandiert. Unser Rat: Elitären Dünkel einfach mal auf die Not-to-do-List setzen und sich fragen „Was hätte Kant getan?“

#MotherfuckerÖdipus #Schnitzelbrötchen #InsiderRezension