Elitepartner gone pink

MARTHA ODER DER MARKT ZU RICHMOND | Jongmin Yoon, Vera Semieniuk, Statisterie, Opernchor, Angelo Pollak, Theodora Varga, Foto: Juliane Zitzlsperger
MARTHA ODER DER MARKT ZU RICHMOND | Jongmin Yoon, Vera Semieniuk, Statisterie, Opernchor, Angelo Pollak, Theodora Varga, Foto: Juliane Zitzlsperger
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Martha oder Der Markt zu Richmond

Musik: Friedrich von Flotow, Libretto: Friedrich Wilhelm Riese
Premiere: 29.10.2016, Theater am Bismarckplatz
Regie: Johannes Pölzgutter – Musikalische Leitung: Tom Woods – Dramaturgie: Christina Schmidt – Bühne: Nikolaus Webern – Kostüme: Janina Ammon – Mit: Theodora Varga, Vera Semieniuk, Mario Klein, Angelo Pollak, Jongmin Yoon, Seymur Karimov, Elena Lin, Christiana Knaus, Andrea Dohnicht-Pruditsch, Mert Öztaner, Christian Schossig

 

*bliep* *ratter* Oper - *krrrks* Dauer über zwei Stunden *blop* - Pinkanteil: 80% - Musikalische Darbietung - Achtung, Achtung, Fehler *kniiiirsch*: I'm sorry Judith and Tina, I'm afraid I can't do that - *peng* *plöng* Der Kritiker-Bot schaltet sich hiermit ab.

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Wir haben vorsichtshalber vor dieser Kritik den Job-Futuromat der ARD gefragt und rausgefunden, dass unser Job so schnell nicht von Maschinen übernommen werden kann. Puh, noch mal Glück gehabt. Daher bleibt die Kritik der Oper Martha erstmal noch in Menschenhand.

Worum gehts?

Fürstin Harriet ist gelangweilt. Weil sie sich vom Leben des Pöbel ein bisschen Aufregung verspricht, heuert sie auf dem großen Dienstleistungs-Markt von Richmond zusammen mit ihrer Dienerin als Magd an. Sie werden von zwei Männern engagiert, finden sich auf einmal in einer Situation wieder, die ihnen gar nicht behagt, und fliehen. Lyonel, einer der Männer, hat sich aber in die angebliche Magd Martha verliebt. Das Problem: Lyonel als Pächter kann Martha also Harriet die Fürstin nicht heiraten. Lyonel ist dann aber – zack – ein Grafensohn, worauf Harriet nicht mehr abgeneigt ist, jetzt aber ER nicht mehr will, und erst die demütige Reue von Harriet Lyonel zeigt, dass Harriet heiratbar ist. Darauf folgt: Hochzeit. Soweit das – heute eigentlich unspielbare, weil wahnsinnig patriarchale – Libretto. Regisseur Pölzgutter macht aber dann so eine irre Text-Bild-Schere in seiner Inszenierung auf, dass dieses Stück eine reine Freude ist – siehe unten.

Was passiert?

Ein recht ein Scheißdreck hätte es werden können, um den unsterblichen Monaco Franze zu zitieren. Die Oper Martha von Friedrich von Flotow ist ein misogyner, reaktionärer Textalptraum aus dem 19. Jahrhundert. Das Gesinge über „blöde Mädchen“ gehört noch zu den harmlosen Passagen. Im Grunde kann und braucht man diesen Vierakter im Jahre 2016 nun wirklich nicht mehr spielen. Dachten auch wir uns. Doch Johannes Pölzgutter und sein Team belehrten das Regensburger Premierenpublikum eines Besseren. Seine Inszenierung ist eine Lehrstunde, wie man aus einem Berg Gammelfleisch von Oper ein modernes Stück macht.

Die Grundidee dürfte vielen aus dem Hollywoodfilm „The Stepford Wives“ bekannt sein: Frauen sind hier keine Menschen, sondern – echten Personen zum verwechseln ähnlich sehende – Roboter. Perfekt zum Erledigen aller Hausarbeiten und auch ansonsten wunderbar devot. Falls nicht, einfach Stecker ziehen. Mit diesem Bild arbeitet Pölzgutter und lässt Bühnenbildner Nikolaus Webern und Kostümchefin Joanna Ammon eine pinke Vorhölle erschaffen. Das ist nicht nur quietschkomisch mitanzusehen, sondern unfassbar passend für die gekonnt ironische Lesart des Libretto: Zeigt es doch, dass diese Oper Frauen ausschließlich hinsichtlich ihrer Funktionalität und Nützlichkeit für die Männerwelt versteht. Zurecht, würde Flotow sagen, denn das Weib an sich ist ja eine greedy bitch. Erst als Lady Harriet erfährt, dass Lyonel kein armer Schlucker, sondern ein Adeliger ist, will sie ihn heiraten. Dass das auf der Bühne am Bismarckplatz nicht passiert, ist den mutigen Eingriffen und Strichen von Pölzgutter und Dramaturgin Christina Schmidt zu verdanken, die es hier zu keiner Doppelhochzeit kommen lassen. Stattdessen bastelt die verschmähte Harriet – am Ende ganz Businesslady mit Tüftlergeist – Lyonel das, was er eigentlich will: eine Roboterfrau. Ein raffinierter Schachzug der Inszenierung, der Lyonel keineswegs die Opferrolle überlässt. Wer ein primitiver Tölpel ist und eine willfährige Dienerin zur Frau möchte, soll sie haben – die selbstbewusste Harriet spielt da aber bestimmt nicht mit.

Gespielt wird ansonsten hier glücklicherweise jede Menge: Das eisige Androidengrinsen und die staksigen Bewegungen lässt der Chor unter der Leitung von Alistair Lilley nicht mal beim Schlussapplaus ganz sein. Das Heer der rosa-grünen Erntehelfer und Hausangestellten bildet die – wie gewohnt – wohl akzentuierte Kulisse für die Damen an der Stromleitung und ihre tumben Arbeitgeber: Theodora Varga brilliert mal mit blonder Lockenmähne, mal mit barbiepinkem Bob in ihrer Rolle als Lady Harriet. Kein Ton ist zu hoch um ihn nicht noch aus sich herauszuquetschen, während sie sich proseccoglasbalancierend auf dem Ottomanen räkelt. Vera Semieniuk ist als Harriets Bff Nancy gesanglich wie schauspielerisch  ganz in ihrem Element und trägt bauchfreies Top und Glitzergürtel mit einer herrlich-absurden Grandezza, die ihresgleichen sucht – Sektflöte zum Anstossen natürlich immer auf Anschlag! Ausleben darf sich bei Martha auch Jongmin Yoon im naked cowboy Outfit. Der Bass, der als Zuniga in Carmen in dieser Spielzeit schon eine äußert solide Leistung ablieferte, erhält als einfältiger Plumkett endlich die Gelegenheit, sein Können in einer großen Rolle unter Beweis zu stellen. Fachkollege Mario Klein muss sich diesmal mit dem weniger dankbaren Part des Lord Tristan zufriedengeben. Beiden gelang dies bei der Premiere allerdings hervorragend. Vom Neuzugang am Haus, dem Tenor Angelo Pollak, kann man das leider nicht sagen: Auch wenn das Orchester unter Leitung von Tom Woods eher zurückhaltender als gewohnt spielte (sehr viel Spannung gibt diese Partitur ohnehin nicht her…) hatte Pollak als Lyonel gerade zu Beginn doch erhebliche Probleme, dagegen wirkungsvoll anzusingen. Ein Schluck aus der Blumenvase half offenbar, denn gesanglich wurde es nach der Pause besser und es gab aufmunternden Szenenapplaus, der allerdings den Einsatz der Souffleuse nicht immer überdecken konnte.

Was bleibt?

Opernregisseure sind nicht Sklaven des Libretto. Allein für diese erfreuliche Erkenntnis lohnt der Besuch von Pölzgutters Martha Inszenierung. Aus einer banalen Oper des 19. Jahrhunderts ein kluges Stück für das Hier und Heute zu machen – das muss man erstmal hinbekommen. Zur Verbesserung des nachhaltigen Eindrucks gab’s – neben einem pastelligen Homeshopping-Screen („Welche Roboterdame darf es sein?“) im Foyer – für das Publikum auch eine Print-Broschüre zum Mitnachhausenehmen. Angesichts des Kuschelkurses von Plumkett mit einem ausgestopften Fuchs hätten wir da nur noch eine Frage: wo war Bugs Bühny?

#KeinRotkäppchenaberSekt #TinderinZeitendesTeleshopping #PrettyuglyinPink #BotBoyLyonel #BierArie

2 thoughts on “Elitepartner gone pink

  1. Sehr „geehrtes“ Samt&Selters Team!

    Ich bin wirklich verwundert und gerade zu erbost über Ihre „Kritik“ der wunderbaren Martha!
    Gerade der junge Tenor Angelo Pollak hat uns ausnehmend gefallen. Endlich wieder eine Stimme mit Ausdruck, Farben und Textverständlichkeit oder wie die SZ schreibt: verblüffend Angelo Pollack: Der lyrische Tenor kommt direkt von der Hochschule und singt wie aus längst vergessenen Zeiten. Durch die Aufführung geistert eine „Martha“-Platte mit Anneliese Rothenberger – da hätte Pollack auch mitmachen können.
    Auch alle anderen wirklich seriösen Kritiken (die man Ernst nehmen darf) schreiben nur Gutes und das zu Recht!
    Aber wie ich mittlerweile entdeckt habe, darf man annehmen, dass Sie beide wohl doch eher ahnungslos sind was das Genre Oper betrifft und wie mein von MIR hoch geschätzter und von Ihnen anscheinend „hoch“ gehasster Schiller schon sagte:“ Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort, das schwer sich handhabt, wie des Messers Schneide.“
    Sie sollten in Zukunft überlegen ob es sich wirklich lohnt Ihr ungeschultes und unseriöses Messer bei einer jungen für uns hoffnungsvollen und zufkunftsträchtigen Stimme anzusetzen.

    Hochachtungsvoll
    Dr. Georg Dietrich

    1. Sehr geehrter Herr Dr. Dietrich,

      vielen Dank für Ihren Kommentar. Wir freuen uns immer über einen Meinungsaustausch mit unseren Lesern.
      Uns hat – wie der Kritik klar zu entnehmen ist – die Oper Martha auch ausnehmend gut gefallen. Was aus einem sehr unaktuellen Stoff hier gemacht wurde, hat zu Recht bei Publikum und Kritik Anklang gefunden. Das liegt zu einem sehr wesentlichen Teil an der großartigen Leistung des Regieteams, zum anderen am Ensemble.
      Ich weiß nun nicht, ob Sie in der Premiere waren so wie ich. Am ersten Abend jedenfalls war die Souffleuse bis ins Parkett deutlich zu hören, die Stimme des Tenors jedoch nicht immer in vollem Umfang. Dies einfach zu ignorieren fände ich ehrlich gesagt unfair gegenüber der wirklich tollen Leistung, die Semieniuk, Varga und Yoon am Premierenabend abgeliefert haben.
      Unterschiedliche Meinungen zu vertreten gehört durchaus zum Wesen der Theaterkritik. Insofern ist es kein Hinweis auf mangelnde Qualität, wenn unterschiedliche Kritiker auseinandergehende Ansichten vertreten. Die Kollegen der SZ, auf die Sie verweisen, waren übrigens nicht bei der Premiere, sondern bei einer späteren Vorstellung (was an der Erwähnung von Frau Pisareva, die in der Premiere nicht mit dabei war, abzulesen ist). Es freut mich zu lesen, dass Herr Pollak allem Anschein nach hier zu seiner Form gefunden hat – für ihn und für diese wunderbare Operninszenierung, die hoffentlich noch viel Zuseher und -hörer haben wird.
      Schließen möchte ich aus gegebenem Anlass mit einem Zitat Schillers: „Mach es Wenigen recht. Vielen gefallen ist schlimm.“

      Mit den besten Grüßen,
      Judith Werner

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