Die Detonation im Kinder- und Jugendtheater: Impuls Zündstoff-Preis

AK Kinder- und Jugendtheater in Bayern bei den BayTT16
Mitglieder des AK Kinder- und Jugendtheater Bayern bei den 34. Bayerischen Theatertagen in Regensburg
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Zündstoff

Ein Impulsreferat zum Zündstoff-Preis des Arbeitskreises Kinder- und Jugendtheater in Bayern im Rahmen der 34. Bayerischen Theatertage in Regensburg, 2016.

Bei den 34. Bayerischen Theatertagen, die im Frühsommer 2016 in Regensburg stattfanden, traf sich auch der Arbeitskreis Kinder- und Jugendtheater in Bayern. Im Rahmen dieses Treffens wurde ich gebeten, ein Impulsreferat zum Thema „Zündstoff“ zu halten, da der Arbeitskreis einen Preis gleichen Namens verleiht. Untenstehend die Rede im Wortlaut.

Laut Wikipedia ist Zündstoff ein Hilfsmittel, das zum Auslösen einer Explosion dient. Es stellt die nötige Initialenergie für die chemische Reaktion von explosiven Stoffen zur Verfügung. Unterschieden werden muss hier zwischen Anzünden, also dem Auslösen eines Abbrandes mit Hilfe von sagen wir einem Feuerzeug oder eines Streichholzes, und Zünden, dem Auslösen einer Detonation mit einem Initialzünder. Das Zünden von Sprengstoffen ist nur mit einem Initialzünder, nicht aber mit gängigen Anzündmitteln möglich.

Sie haben jetzt also einen Preis, der „Zündstoff“ heisst, der laut Definition etwas auszeichnen soll, das eine Initialenergie zum Auslösen einer Explosion besitzt. Das heisst, Sie wollen Stoffe, Stücke, Inszenierungen, und Entwicklungen des professionellen Kinder- und Jugendtheaters in Bayern hervorheben, die nicht nur eine bloße Flamme sind, sondern in sich schon Sprengstoff bergen, und die in der Lage sind, größere Detonationen zu verursachen. Was nun aber wollen Sie detonieren? Ich gehe mal davon aus, dass Sie keine materiellen Bauten in die Luft jagen wollen. Es bleibt als Erklärung das Aufsprengen von Konventionen, von Stereotypen, von festgefahrenen Diskursen. Keine Strukturen aus Stahl und Beton sollen hier zum Zusammensturz gebracht werden, sondern Strukturen im Kopf, Strukturen, die typischerweise ebenso unnachgiebig sind und eine große Menge an Sprengmitteln brauchen, um sie zu zerstören – das betrifft Vorurteile, Stereotype und Moralvorstellungen ebenso wie Machtverhältnisse und politische und gesellschaftliche Fragen unserer Zeit. Dabei stellen Sie in der Verleihung dieser Auszeichnung nicht primär die Frage „Wie soll es werden? Was wollen wir sein? Was müssen wir tun?“, sondern Sie stellen vor allem IN Frage – Sie wollen einreißen, nicht aufbauen. Dekonstruieren, nicht konstruieren. Sie wollen unbrauchbare Strukturen zerstören, um danach Platz zu machen für Neues. All das beinhaltet der Begriff Zündstoff, und all das liegt in diesem Preis, den Sie verleihen. Ich finde das sehr einleuchtend – denn man muss ja zerstören, um danach etwas Neues aufzubauen: Erst wenn man Altes, Unbrauchbares einreißt, kann daraus etwas entstehen, mit dem man wieder eine Weile leben kann und besser leben kann als vorher.

Preisverleihung Zündstoff für die Spartengründung Junge // Hunde am Theater an der Rott
Theater an der Rott gewinnt Zündstoffpreis 2016 für die Spartengründung „Junge // Hunde“. Quelle: Theater an der Rott

Was nun also ist Zündstoff für das Theater? Was ist geeignet, einzureißen, Strukturen zu zerstören, eine Detonation im Kopf und im Denken auszulösen? Ich glaube, es sind vor allem drei ganz banale Dinge: Erstens. Dinge in Frage stellen, Fragen stellen, mit denen man überfordert und gefährdet und ins Straucheln bringt. Zweitens. Haltung zeigen. Position beziehen, sich ins Kreuzfeuer stellen, klarmachen, dass Wahrheit nicht verhandelbar ist. Drittens. Kein fertiges Weltbild liefern, keine Antworten. Ihr wollt ja sprengen, nicht Blumen pflanzen.

Wolfgang Schneider hat mal gesagt, gutes Theater muss jugendgefährdend sein. Dieser Sinnspruch passt hervorragend zu Zündstoff, denn die Welt ist seltsam und unheimlich und groß und vielschichtig. Vorgefertigte Weltbilder kriegen Kinder und Jugendliche schon zuhauf vorgesetzt – in der Schule, im Elternhaus, durch Freunde und Umfeld. Theater, so wie Sie es auszeichnen wollen, will diese fertigen Bilder wieder aufbrechen, will zum Selberdenken und zum Hinterfragen anregen, will Position beziehen und unbequem sein. Es will gefährden und gefährlich sein. Es will mit Sprengstoff spielen.

Wir sehen also, Zündstoff ist ein potenter Begriff, ein starkes Wort für ein Theater, das nicht gefällig ist, das unbequem ist, das sich mit einer Ladung Dynamit in den Mittelpunkt der Debatte stellt und erstmal sprengt. Es zeugt von einem Selbstbewußtsein des Kinder- und Jugendtheaters und seiner Fürsprecher, von einem Willen, wahrgenommen zu werden und von einem Bewußtsein der Relevanz. Denn wer sprengen will, muss Sprengmeister sein und wissen, was man tut. Nur ein bisschen sprengen gibts nicht.

Und deshalb verwundert es mich ohne Ende, dass ich über diesen Preis, den Sie offensichtlich heuer nicht zum ersten Mal verleihen, in der Vorbereitung zu diesem Impuls nichts finden konnte. Es gibt keine Laudatio der letztjährigen Preisverleihung, es gibt keine Preisbegründung, keinen Festakt. Es gibt keine Webseite, keine Google-Ergebnisse, es gibt keine öffentlich benannte Jury, keine transparenten Kriterien. Nichts. Ja was wollen Sie denn? Sie können doch nicht sprengen wollen, ohne dass die Nachbarn was davon mitbekommen. Eine Detonation ist ein kraftvoller Akt der Zerstörung, das geht nicht ohne meterhohe Staubwolken und ein paar kaputte Fensterscheiben.

Und so, wie es ein bisschen Sprengen nicht gibt, kann es auch nicht nur „ein bisschen Auszeichnung“ geben. Wer sprengt braucht Fachwissen und gute Nerven. Das haben Sie, sonst würden Sie nicht im Kinder- und Jugendtheaterbereich arbeiten. Was Ihnen noch ein bisschen fehlt, ist Mut. Mut und das Vertrauen in die eigene Arbeit. Dieser Arbeitskreis operiert de fakto im Verborgenen (versuchen Sie mal, Ihr Gremium zu googlen!), auch dieser Preis soll offensichtlich eigentlich keiner sein und gar nicht als Auszeichnung gemeint und eigentlich sind ja alle super. Natürlich sind Sie hier alle super, aber wenn alle und alles super ist, geht nichts voran und alles bleibt, wie es ist. Sie machen gutes Kinder- und Jugendtheater, dessen bin ich überzeugt. Aber ich bin mir auch sicher, dass Sie immer noch besser werden wollen, dass Sie an Ihren Häusern und in der Öffentlichkeit um Wahrnehmung, Sichtbarkeit, Anerkennung und Budgets kämpfen. Wenn Sie auszeichnen, dann müssen Sie vorher festlegen, was. Sie definieren Qualitätsmerkmale, Sie überlegen sich, was Sie wollen und lassen das anhand Ihrer eigenen Kriterien von unabhängiger Seite küren. Denn nur wer ordentlich sprengt, ist sichtbar.

Sie haben den Zündstoff dafür bereits in der Hand. Bitte detonieren Sie: jetzt.