Von gefährlichen PingPongBällen und panischen Eichhörnchen

Herr Eichhorn und der Besucher vom blauen Planeten. Stephan Hirschpointner als Bär, Federpillen als Wellensittiche.
Herr Eichhorn und der Besucher vom blauen Planeten. Stephan Hirschpointner als Bär, Federpillen als Wellensittiche.
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Herr Eichhorn und der Besucher vom blauen Planeten

Nach dem Bilderbuch von Sebastian Meschenmoser
Premiere: 1.10.2016, Junges Theater Regensburg
Regie: Odette Bereska – Ausstattung: Anja Furthmann – Mit: Stephan Hirschpointner, Marcel Klein, Franziska Plüschke

 

Worum gehts:

Nicht nur ein, sondern gleich zwei kleine Besucher, die seltsam blau sind und so gar nicht in das Weltbild des Bären passen wollen, kommen eines Tages im Wald vorbei und wollen nicht wieder gehen. Zunehmend panisch sucht der Bär bei Herrn Eichhorn Rat, der zwar auch nicht weiss, was diese Viecher nun genau sind, der aber grade deshalb mit Bestimmtheit sagt, dass sie nur Böses im Schilde führen können. Bestimmt sind das Aliens! Und wollen den Bären entführen! Womöglich sind alle Waldtiere in Gefahr! Wohin unbegründete Angst führen kann und dass viele Panikszenarien unbegründet sind, wenn man erstmal weiss, mit wem man es eigentlich zu tun hat, zeigt die Geschichte, die Samstag am Jungen Theater Premiere hatte: von Herrn Eichhorn, dem Bären und den Besuchern, die ganz sicher nicht vom blauen Planeten kommen.

 

Wie wir das finden:

Das Stück für die Kleinsten (ab 4) ist – wie wir das vom Jungen Theater mittlerweile gewohnt sind – mit sehr viel Liebe handgemacht. Kostüme und Bühne (Ausstattung: Anja Furthmann) weisen einen hohen Abstraktionsgrad auf, der die Ästhetik der Inszenierung sehr von der Bilderbuchvorlage löst, aber größtenteils gut funktioniert: der Wald besteht aus beleuchteten Stelen, der Bär wirft sich einen Plüschmantel über, um richtig Bär zu sein und die Waldtiere haben einen Auftritt als Schattenspiel. Die drei Schauspieler fungieren nebeneinander als Erzählerfiguren, als Waldtiere und sind die Puppenspieler der Eichhornpuppe, die mit großem Slapstickpotenzial die Kinder zum Kichern bringt. Dieser Teil der Adaption ist rund und die gefundenen Bilder mit den reduzierten Versatzstücken in sich schlüssig.

Bilderbuch Herr Eichhorn und der Besucher vom blauen Planeten, Sebastian Meschenmoser, Thienemann-Esslinger Verlag, http://www.thienemann-esslinger.de/esslinger/buecher/buchdetailseite/herr-eichhorn-und-der-besucher-vom-blauen-planeten-isbn-978-3-480-22883-6/
Bilderbuch Herr Eichhorn und der Besucher vom blauen Planeten, Sebastian Meschenmoser, Thienemann-Esslinger Verlag, Quelle http://www.thienemann-esslinger.de/esslinger/buecher/buchdetailseite/herr-eichhorn-und-der-besucher-vom-blauen-planeten-isbn-978-3-480-22883-6/

Schwierig wird es beim eigentlichen Kern der Geschichte. Das Original-Bilderbuch von Sebastian Meschenmoser ist eines in der Serie über Herrn Eichhorn, das mit dem Wirkprinzip des Informationsvorsprungs funktioniert: Bereits am Anfang wird eine Text-Bild-Schere offenbar, aufgrund derer sich die Leser über die Naivität und das mangelnde Wissen der Bilderbuchfiguren amüsieren und dabei zusehen können, wie Herr Eichhorn und der Bär erst langsam verstehen, dass die angeblich gefährlichen Besucher eigentlich ganz harmlos sind.

Im Jungen Theater sorgt der Verzicht auf den Zuschauer-Informationsvorsprung dafür, dass die Kernbotschaft des Stückes – nicht bei allem Fremden gleich in Panik ausbrechen – bei den Kindern erstmal nicht ankommt, da die kleinen blauen Bälle mit Federn dran nicht als die konkreten Tiere zu erkennen sind, die das Bilderbuch ab der ersten Seite vorstellt. Voll drin im Deutungsvorschlag des Herrn Eichhorns, dass diese Fremden gefährlich seien, brüllen sie „Achtung!“ und „Vorsicht!“, sobald sich die blauen Bälle dem Bären nähern. Erst die weise Ziege als Deus Ex Machina am Ende des Stückes bringt Aufklärung in die Sachlage, woraufhin auch der Bär und Herr Eichhorn – und mithin das Publikum – verstehen, dass die kleinen Blauen eigentlich niedliche und bemitleidenswerte Viecher sind.

Die Entscheidung, die Identität der blauen Besucher bewußt vage zu halten, offenbart ihre Schwäche vor allem in der Interaktion mit den Kindern im Publikum. Die offene Erzählhaltung zum Publikum hin und der Bruch der 4. Wand sorgen mithin dafür, dass sich die Kinder angesprochen fühlen und versuchen, in einen Dialog einzusteigen. So sensibel das Junge Theater eigentlich im Umgang mit dieser Art Partizipation ist, hier geht sie nicht auf: wenn Stephan Hirschpointner als Bär und Franziska Plüschke als Erzählerin überlegen, was im Wald eigentlich alles blau ist und eines der Kinder laut „Vögel!“ reinbrüllt, dann hat dieses Kind den Informationsvorsprung – und damit die dramatische Ironie – hergestellt, die Kern des Bilderbuches ist, die aber im Stück die eigentliche Pointe, die erst viel später offenbart wird, schon vorwegnimmt.

Alles in allem ist „Herr Eichhorn und der Besucher…“ ein charmantes, liebevoll gemachtes Stück für die Kleinsten, in dem auch die älteren Geschwister etwas für sich entdecken können. Dass einige Aspekte der Dramatisierung nicht ganz aufgehen, ist zwar schade, tut der Unterhaltung aber immerhin keinen Abbruch.