It’s a man’s world…

Carmen, Theater Regensburg
CARMEN: Ensemble, Opernchor, Extrachor (c) Jochen Quast
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Wir waren versucht, einen weiteren Carmen-Verriss zu schreiben, um herauszufinden, ob das Theater Regensburg uns dann ebenso wie die Schlossfestspiele im Sommer die Akkreditierung entziehen würde. Da wir uns aber relativ sicher sind, dass jenseits der Thurn-und-Taxis-Mauern Meinungsfreiheit herrscht, haben wir uns ganz unbeschwert ans Werk gemacht. Eine angstfreie Rezension – mit offenem Ausgang

Carmen

Oper in vier Akten von Georges Bizet
Dichtung von Henri Meilhac und Ludovic Halévy, nach der gleichnamigen Novelle von Prosper Mérimée

Musikalische Leitung: Tetsuro Ban, Inszenierung: Hendrik Müller, Bühne und Kostüme; Claudia Doderer, Licht: Martin Stevens, Choreinstudierung: Alistair Lilley, Dramaturgie: Ruth Zapf

Mit: Yinjia Gong, Adam Krużel, Angelo Pollak, Matthias Wölbitsch, Jongmin Yoon, Vera Semieniuk, Theodora Varga, Martina Fender, Beata Marti, Doris Dubiel sowie Statisterie, Opernchor und Extrachor des Theaters Regensburg, Cantemus-Chor Regensburg, Philharmonisches Orchester Regensburg

Premiere am 24. September 2016, Theater Regensburg (Rezensiert wurde die 2. Aufführung vom 28. September 2016)

Worum gehts?

Mit der Produktion des Theaters Regensburg erlebt die Stadt die zweite Carmen in diesem Jahr. Wie die erste bei den Schlossfestspielen war, erfährt man hier und da gibt’s auch die Basics zum Inhalt der Oper.

Was passiert?

Kleider machen Leute. Zum Glück machen aber Kostüme keine Sänger, sonst wäre die Regensburger Carmen ein Gemischtwarenladen mit Rasenmähersound. Was sich Claudia Doderer bei Bühne und Kostümen gedacht hat, lässt sich auch nach fast drei Stunden nur schwer nachvollziehen: Die Kulisse erinnert entfernt an ein Industriegelände der Jahrhundertwende, was  der Textvorlage, in der von Fabrikarbeitern die Rede ist, geschuldet sein dürfte. Warum in dieser Fabrik Frauen in Unterwäschemiedern mit geknoteten Taschentüchern auf dem Kopf werkeln sollen, bleibt ebenso unklar wie die Schuluniformen des Kinderchors. Dass insgesamt auf folkloristische Elemente und das Originalsetting Spanien bis auf einige Bildzitate – zwei Toreros und Frauen mit traditionellen Spitzenschleiern etwa – weitestgehend verzichtet wird, ist immerhin wohltuend. Die Soldaten haben in ihrer Kluft irgendwo zwischen Gartenamt und DDR-Grenzer noch Glück im Vergleich zu den Chorpartisanen im Al Capone-Stil, zwischen die sich einige Kopien von Herzogin Kate – Stichwort: große Hüte – verirrt haben. Das wirkt alles reichlich wirr und unmotiviert, ist angesichts der ansonsten minimalistischen Bühne aber optisch sehr dominant. Etwas anders sieht es bei Carmen selbst aus: Ihre wechselnden Hosenanzüge haben Statement-Charakter, bleiben aber abgesehen von den ähnlichen gekleideten Freundinnen leider ohne Bezug. Der Madonna-BH (Madonna – das war mal eine Sängerin, die sich zwei spitze Hütchen über die Brüste stülpte und sich Like a Vergin in Musikvideos räkelte) sorgt bei den Zuschauern mitten in der Arie zwar für Kichern, ist aber ein erfrischend ironisches Gegenbild zur in der Bühnenecke prangenden Madonnen-Statue.

So verunglückt die Optik, so herausragend das, was sich hier auf der Bühne und im Orchestergraben sonst tut: Hendrik Müllers Inszenierung von George Bizets Oper ist ein fulminantes Klangerlebnis, bei dem sich Solisten, Chor und Orchester gegenseitig anspornen. Worum es geht, will Müller seinen Zuschauern keine Sekunde vorenthalten: Noch während der Ouvertüre wird Carmen brutal vergewaltigt; eine Szene später gibt es einen einvernehmlichen, aber dennoch bizarren Kopulationsakt (eine der Beteiligten: Don Josés Mutter gespielt von Doris Dubiel) unter der Madonna. Sexuelle Gewalt und Machtausübung sind es, die die Welt von Don José, Carmen und Escamillo prägen. Müller gesteht seiner Carmen ein gewisses Maß an Selbstbewusstsein zu. Sie versucht eine unabhängige Frau sein, wofür es keine Kitschklischees von kastagnettenklappernder Verruchtheit braucht. Doch diese Freiheit, die sie immer wieder propagiert, ist eine eingebildete: Die von Männerphantasien und Gewalt dominierte Welt, in der sie lebt, duldet ihr Aufbegehren nicht. Von Anfang an wird sie emotional und körperlich missbraucht. Was zunächst danach aussieht, als wäre allein für die Frau die Opferrolle reserviert, bricht bei der Psychologie von Don José auf: Mit ausgeprägtem Ödipuskomplex irrt er durchs Leben und versucht in Regelerfüllung Halt zu finden. Das klingt ein wenig nach Zwangsstörung und endet schließlich in einer ausgewachsenen Psychose: Will sich Carmen ihm nicht unterwerfen – und nur das bedeutet „lieben“ in dieser Bizet-Interpretation –, muss er sie töten. Nicht so sehr aus Besitzwahn oder sexueller Begierde, sondern weil sie die Ordnung seines mühsam zusammengezimmerten Weltbildes stört. Da ihr Tod an der existenziellen Verzweiflung von Don José nichts ändert, bleibt diesem nur der Selbstmord. Eine konsequente Entscheidung von Müller – entgegen der gängigen Libretto-Version. Hier gibt es keine Gewinner, nur Verlierer einer von (so darf man die Bühne vielleicht ja verstehen) Raubtierkapitalismus geprägten Gesellschaft.

In der Rolle des ödipalen Psychopathen Don José ist Yinjia Gong die große Überraschung des Abends. In den vergangenen Spielzeiten durfte er zumeist die großen Partien singen und tat dies mit beharrlicher Emotionslosigkeit und Bewegungsarmut. Nicht so bei Carmen! Was immer Müller und Ban gemacht haben, es scheint einen Schalter bei Gong umgelegt zu haben: Agil und voller Esprit lässt er seinen Don José lieben, leiden und schließlich morden. Dabei gelingen ihm stimmlich wie schauspielerisch ungeahnt feine Nuancen, dass es eine wahre Freude ist dem zuzusehen. Damit ist er der ideale Partner für Vera Semieniuk als Carmen. Merkt man ihr im ersten Akt einen gewissen Respekt vor dieser Rolle an (für Semieniuk war diese zweite Vorstellung ihre Premiere als Carmen), spielt und singt sie sich spätestens ab dem zweiten Akt frei. Dabei beherrscht sie die Bühne bei den großen Soli ebenso wie im Zusammenspiel mit anderen Gesangspartnern – etwa in der Szene, in der Carmen mit ihren Sisters in Crime Frasquita und Mercédès (Martina Fender und Beata Marti) nach einer wilden Fete plaudert, wo sie auch den Torero Escamillo treffen. Adam Krużel überzeugt nicht nur stimmlich, sondern spielt seinen Torero Escamillo als schmierigen Sugar Daddy und macht so völlig wett, dass er altersmäßig den jungen Liebhaber dann doch nicht mehr ganz verkörpern kann. Fender und Marti lassen ebenso wie das Österreicherduo aus Matthias Wölbitsch (als Morales) und Angelo Pollack (Remendado), dem neuen Tenor am Haus, vergessen, dass es sich hier um „Nebenrollen“ handelt.  Theodora Varga, die den Kostümwettbewerb mit ihrem Regencape-Sack eindeutig verliert, erhält als devote Micaela immer wieder Szenenapplaus. Jongmin Yoon ereilt der Bühnentod recht früh, bis dahin gibt er allerdings mimisch und gesanglich überzeugend den Oberschurken Zuniga. Zusammen mit der akkuraten Chorcrew von Alistair Lilley gelingt dem Theater Regensburg ein kurzweilig-schwungvoller Musiktheater-Auftakt, der vielleicht nicht der innovativste aller Zeiten, aber allemal ein äußerst hörenswerter ist.

Was bleibt?

… einige offene Fragen: Was macht das Telefon unter der Marienstatue? Weshalb trägt Matthias Wölbitsch als einziger ein Cowboyoutfit? Warum beginnen der dritte und vierte Akt mit Texteinblendungen und eingebauten Spoilern (“Gewaltsamer Tod!“), wenn das in den ersten beiden Akten auch nicht nötig war?

… dank der vielen, bekannten Melodien einige beharrliche Ohrwürmer*, die eine mehrtägige Halbwertszeit haben dürften.

#Industrialisierungsflair #DeineMudder #NoFlamenco

*(Diese konnte man sich übrigens diesmal nicht nur als Silent Opera, sondern als „Halblaut Opera“ über Lautsprecher, die live den Bismarckplatz beschallten, zu Gemüte führen. Es lebe die Dezibel-Beschränkungen der Stadt! Gilt für Bizet, nicht für grölende Dult-Besucher.)

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