Grenzüberschreitung

Hungaricum
HUNGARICUM: Andine Pfrepper, Patrick O. Beck (c) Jochen Quast
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Manchmal mieft’s in Regensburg. Früher war’s die Zuckerfabrik; heute ist’s die Immobilienbranche, bei Hungaricum das Gulasch. Wenn das ungarische Nationalgericht zur Weltsuppe verkommt, dann helfen nur noch Glückskekse. Doch auch die können tödlich sein. Eine Rezension ohne kulinarischen Anspruch

Hungaricum

Eine Europäische Grenz-Groteske oder Gulasch ist auch bloss eine Suppe!

von den Brüdern Presnjakow aus dem Russischen von Olga Radetzkaja

Inszenierung: Jens Poth, Ausstattung: Nora Johanna Gromer, Musik: Wendelin Hejny, Dramaturgie: Meike Sasse
Mit: Patrick O. Beck , Gunnar Blume, Andine Pfrepper, Susanne Berckhemer, Silke Heise, Michael Heuberger

Premiere am 25. September 2016, Theater am Haidplatz, Theater Regensburg

Worum gehts?

Mozart wird an einer ungarischen Tankstelle an der Grenze zu Österreich von einem Polizisten aufgehalten. Der trägt ein Halfter, hält es aber für ein Holster und hofft beim Musiker „Hachiiiich“ zu finden. Mozart hat zwar Stoff dabei, den schwatzt ihm aber ein manisches Hello-Kitty-Mädel ab. Eine Pastorengattin trägt unterm Mantel Bikini und kostet Weltsuppe, die irgendwas mit dem polizeilichen Rektalexamen bei Amadeus zu tun hat, aber nicht mit dem Züricher Sperma-Topping zu vergleichen ist. Moschi würde gern im Toyota vögeln, erschießt aber versehentlich einen Greif mit einem Mikrofon. Schwalbenester-süß-sauer gibt’s nur auf’s Haus für den, der Twister gewinnt. Keine Ahnung, was das soll? Gut, das gehört nämlich so.

Was passiert?

Eine Verwandtschaft der Coen-Brüder mit den Brüdern Presnjakow ist nicht bekannt – aber verwundern würde sie einen nicht. Die Streifen Big Lebowski oder Brother, where art thou? der Hollywoodproduzenten lassen sich vielleicht noch am ehesten mit dem vergleichen, was Regisseur Jens Poth mit Hungaricum auf die Bühne des Theaters am Haidplatz bringt. Das eineinhalbstündige Trash-Spektakel ist ein bißchen wie Kafka auf Crystal Meth („Welche Christel? Ich kenn keine Christel!“) und trägt den treffenden Untertitel „Grenz-Groteske“. Grenzen werden hier zu Hauf überschritten. Zwischen Versandkartons, Ledersofa und Klohäuschen treibt das Absurde in der herrlich abgefuckten Kulisse von Nora Johanna Gromer grelle Blüten. Es wird gelacht, geflucht, gesungen, gesoffen und vor allem gekotzt. Das sprengt mehr als einmal die Grenzen des guten Geschmacks, etwa wenn Michael Heuberger (vielen bekannt als Busfahrer Kurt aus der RVV-Werbung) in Person des perversen LKW-Fahrers Moschi ein Liedchen über spazierengehende Mösen trällert (Musik: Wendelin Hejny). Das Ensemble, eingequetscht in Gymnastikstrampler, Leoprintleggings und Nuttenstiefeln, wächst an diesem Abend über die eigenen Grenzen hinaus: Patrick O. Beck mimt im champagnerfarbenen Body den „Diskurswerfer“ und träumt mit Austria-Akzent vom Verlängerten. Andine Pfrepper jagt als Manga-Kellnerin ihrem Laptop hinterher und ist dabei so abstrus süßlich, dass es angenehm schmerzt. Silke Heise, bei der sich plötzlich ein ungeahntes humoristisches Talent zeigt, verausgabt sich am Mikro und lady-gaga-d sich mit schier greifbarer Spielfreude auf Highheels durch die Suppenküche. Susanne Berckhemer kocht als frustrierte Hausfrau an gegen Depression mit Rezepten aus „diesem Internet“. Gunnar Blume sächselt seinen Hochstapler Gyla ins berufliche Aus und metamorphisiert zu einem Greif, der am Ende quer über der Bühne hängt.

Bliebe es dabei, so wäre Hungaricum ein witziger Abend mit reichlich Klamauk, aber ohne weitere Bedeutung. Grund der Reise ins Hungaricum? Pleasure, wie der angebliche Grenzpolizist im Fragebogen vermerkt. Genau das jedoch wissen Poth (zuletzt in Regensburg mit Fury) und Dramaturgin Meike Sasse zu verhindern und fabrizieren dabei so ganz nebenbei ein Theatererlebnis, das in seinem freudigen Revoluzzer-Geist in der Oberpfalz nun wirklich nicht an der Tagesordnung ist. Eine Flut aus popkulturellen Referenzen und Anspielungen prasselt auf die Zuschauer ein, die spielerisch wie optisch stimmig umgesetzt wird. „Talk to the hand!“ stoppt Pfrepper den ihr nachstellenden Junkie – „Jetzt halten sie plötzlich alle ne Armlänge Abstand, die Mädels, kommste nicht mehr ran“ erwidert der. Silvesternacht in Köln, das Internet als Neuland, jede Menge Orban und natürlich immer wieder Flüchtlinge: Zitternd sitzt Berckhemer als besorgte Bürgerin am Plattensee, wohin sie vor den Heerscharen an Burkaträgerinnen im Schwabenländle fliehen musste. Hungaricum kennt keine Gnade: Politische Korrektheit gibt es nicht, jedes Klischee wird in knallbunten Farben gezeichnet und anschließend genauso genüsslich abgefackelt. Es ist der bedingungslose Irrsinn, der dieses Stück so erschreckend relevant macht. Die Verquickung absurder Szenen mit Momenten, die nur ganz knapp an der Realität vorbeischrammen, lassen den Zuschauer aufmerken: Wie weit von der Normalität ist diese Welt wirklich entfernt? Das Groteske brodelt im Gulaschtopf auf dem Bühnenherd. Doch man fragt sich, ob es das nicht auch längt in Parlamenten, unter Stammtischen und auf Marktplätzen tut. Willkommenskultur und gleichzeitig Deal mit Erdogan; Fluchtursachen bekämpfen und schön weiter Waffen liefern; christliche Leitkultur, aber bitte keinen ministrierenden Afrikaner in der Dorfkirche. You name it! Der Bühnengraben als Schlagbaum zwischen Groteske und der Welt? Das war einmal, der Rest ist Tagesschau.

Was bleibt?

Dem tosenden Applaus fehlten bei der Premiere eigentlich nur noch die Zugabe-Rufe. Hungaricum hat das Potential zum Dauerbrenner zu werden und belegt abermals, dass die Spielstätte am Haidplatz offenbar klein genug ist, um auch mal großen Mut zu beweisen. Ein gelungenes Experiment!

#AllesnurkeinHonda #ThermostrumpfstattThermomix #AufnachTranssylvanien

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