In der Mausefalle

Hamlet Theater Regensburg
HAMLET: Verena M. Bauer, Franziska Sörensen, Sebastian M. Winkler, Stefan Schießleder (c) Jochen Quast
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Die große Geschichte um Macht, Gewalt, Liebe und Raserei des Dänenprinzen Hamlet inszeniert Katrin Plötner als wahnhaftes Spektakel, nach dem es eine mehrköpfige Putzkolonne im Regensburger Velodrom brauchen dürfte. Viel Effekt oder doch mehr Hascherei?

HAMLET, PRINZ VON DÄNEMARK

Tragödie von William Shakespeare (Deutsch von Jürgen Gosch und Angela Schanelec)
Inszenierung: Katrin Plötner, Bühne: Maria Moser, Kostüme: Lili Wanner, Musik: Markus Steinkellner, Licht: Wanja Ostrower, Dramaturgie: Jana Schulz
Mit: Jacob Keller, Stefan Schießleder, Michael Haake, Franziska Sörensen, Frerk Brockmeyer, Sebastian M. Winkler, Verena Maria Bauer, Robert Herrmanns, Benno Schulz
Premiere am 23. September 2016 im Velodrom, Theater Regensburg

Worum gehts?

Hamlet gehört zu William Shakespeares bekanntesten Stücken. Die Handlung ist so komplex und verästelt, dass eine Komplettaufführung an die sechs Stunden dauern würde. Daher wird seit Jahrhunderten am Text herumgekürzt, um das Ganze in verdaulicher Form auf die Bühne zu bringen. Die Eckpunkte: Hamlet, der König von Dänemark, ist tot. Gertrud, seine Witwe und Hamlet Juniors Mutter, heiratet daraufhin sehr schnell Claudius, den Bruder des verstorbenen Königs. Davon ist Hamlet alles andere als begeistert. In einer Geistererscheinung erfährt er, dass sein Onkel den eigenen Bruder vergiftet hat, um an Krone und Schwägerin zu kommen. Ab diesem Zeitpunkt sinnt Hamlet auf Rache und in der Folge sterben nahezu alle Beteiligten eines gewaltsamen Todes. Ophelia, die Geliebte, ertrinkt (oder begeht Selbstmord – je nach Interpretation), ihren Vater Polonius erdolcht Hamlet aus Versehen. Gertrud nippt am Gifttrank, der für Hamlet bestimmt war, Ophelias Bruder und Hamlet erstechen sich gegenseitig und so weiter… Blutige Sache das Ganze. Am Ende fällt Dänemark an den Norwegischen Herrscher Fortinbras. Alles klar? Wenn nicht, weiß das Internet Rat

Was passiert?

Plötner erschafft einige starke Bilder. Einige.
Der Rest ist Schweigen.
Mit diesem berühmten Satz endet die Regensburger Hamlet-Inszenierung, die die aktuelle Spielzeit in der Sparte Schauspiel eröffnet. Die guten zweieinhalb Stunden Shakespeare, die das Ensemble meist kletternd über und unter dem weißen Dreieckskubus auf der Bühne des Velodrom zugebringt, zeigen, dass hier schon irgendwie viel gewollt wurde: Die Frage ist nur, was?
Im Interview, nachzulesen im Programmheft, redete die Regisseurin von einer politischen Lesart, in der Macht und die Gier danach zentrale Elemente seien. Aktuell und allemal relevant also. Keine schlechte Idee – wenn auch keine sonderlich neue. Das kann man Plötner aber kaum vorwerfen, denn von einem Klassiker wie Hamlet eine nie dagewesene Neuinterpretation vorzulegen, dürfte kaum machbar sein. Hinter den selbst geschürten Erwartungen aber bleibt sie mit dieser Produktion deutlich zurück. Ein paar Fahnen, Jakob Keller (Hamlet) in Feldherrenpose und Michael Haakes Schlussmonolog als siegreicher Fortinbras reichen nicht, um ein angebliches Leitthema darzustellen. Stattdessen scheint Plötner viel mehr Interesse am Wahnsinn Hamlets zu haben: Spielt er nur den Durchgeknallten oder ist er es? Ist der Geist eine Erscheinung, die einen Mord aufdeckt, oder nur das Hirngespinst eines Psychopathen? Auch das ist eine mögliche Herangehensweise an Shakespeares Stück und hätte vielleicht funktioniert – wenn sich Plötner konsequent für diese Richtung entschieden hätte. Doch statt die Psychologie ihrer Hauptfigur zu thematisieren, hantiert sie mit einer unausgegorenen Strichfassung, die Hamlet viel zu früh in den Wahn abgleiten lässt. Eine Entwicklung ist nur mit Mühe zu erkennen. Wer die Handlung nicht im Kopf hat, hat als Zuschauer kaum eine Chance, dem zu folgen. Die Motivationen sind oft völlig unklar; vieles wird irgendwie angerissen, findet aber keine Fortsetzung.
Das zieht sich als fataler roter Faden durch die gesamte Inszenierung: Maria Mosers Bühnenkonstruktion mit den faulenden Erdhaufen und Gräbern unter der weißen Fassade ist grundsätzlich gelungen, wenn sie den Schauspielern auch einiges an Balance abverlangt. Allerdings ist sie so von solcher Dimension, dass der Platz für die Schauspieler beim Auf- und Abtritt oft fehlt. Mit viel Lichteinsatz (Wanja Ostrower) wird versucht Räume zu schaffen. Auch das klappt bisweilen, doch es bleiben zu viele lose Enden, wie etwa die in einer Szene eingeblendeten Linien am Boden: zu wenige für ein Spinnennetz, vor allem aber ohne jeden Referenzpunkt. Markus Steinkellners Klanguntermalung erzeugt ab und an Atmosphäre, wo es das Spiel allein nicht schafft, und ist ansonsten – ebenso wie Lilli Wanners Kostüme – passabel, aber eben auch unauffällig.
Durch all das stolpert das Ensemble mit unglücklicher Miene. Jeder darf das spielen, was er immer spielt: Frerk Brockmeyer (Polonius) den rotzigen Aggro-Proll, Franziska Sörensen (Gertrud) die notorisch zu schrille, ältere Dame mit Hang zum affektierten Kichern, Michael Haake den distinguierten Mann für jede Gelegenheit (Geist, Fortinbras, Pfarrer). Gast Stefan Schießleder als König startet gut, verliert sich aber im Laufe des Abends völlig im Herumgehampel und ist am Ende akustisch kaum noch zu verstehen. Ein echter Lichtblick ist hingegen Verena M. Bauer als Ophelia. Neu am Theater Regensburg schafft es die frischgebackene Schauspielabsolventin ihrer Figur eine Kraft und Präsenz zu geben, die vor allem das Abschlussbild – die Selbstmörderin blutverschmiert auf dem eignen Grab mit Weihrauch in der Hand – wirkmächtig werden lässt. Das ist eine echte Leistung, wenn man bedenkt, dass Plötners Ophelia, vergewaltigt von Hamlet und andeutungsweise missbraucht von Vater und Bruder, reichlich unklar konstruiert ist: Ist es das Trauma der erfahrenen Gewalt, dass sie verrückt werden lässt, oder doch der Mord am Vater? Jakob Keller schließlich, der nach seinem hervorragenden Caligula nun offenbar auf die Rolle des Wahnsinnigen abonniert ist, vermag es nicht, in dieser Konstellation einen glaubwürdigen Hamlet zu geben: Seine lakonische Spielweise, die bei anderen Stücken sehr stimmig war, passt nicht in diese ohnehin spannungsarme Inszenierung. Da hilft auch sein – ebenfalls langsam schon obligatorische – Nacktauftritt nicht, der wie vieles an diesem Abend recht unfreiwillig komisch wirkt.
Shakespeares Hamlet erzählt viele verschiedene Geschichten, Plötner hingegen keine. Ihr zu recht gefeiertes Talent starke Einzelbilder zu erzeugen, funktioniert bei fragmentarischen Stücken wie dem Woyzeck und bescherte Konstantin Küsperts „Pest“, das sich durch seinen Episoden-Charakter auszeichnet, eine gelungene Uraufführung. Bei Hamlet stößt dieser Stil an klare Grenzen.

Was bleibt?

Die Mausefalle, das Stück im Stück, begeisterte das Publikum und sorgte dafür, dass sich trotz eines sehr langatmigen ersten Teils die Reihen auch nach der Pause wieder füllten. Plötners ironische Distanz zu ihren Figuren mag typisch sein für eine Berlinerlin Anfang Dreißig. Unter der existenziellen Bedeutungslosigkeit von allem und jedem, die die Generation Y wie ein Mantra vor sich her trägt, aber gerät die Inszenierung zu einer merkwürdigen Profilierung vor Hipsterdreieck-Kulisse.
#HamletohneMaschine #Norwegianwood #EinMaulwurfmachtnochkeinenFriedhof

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