#Kopfhöreroper – eine etwas andere Carmen-Premiere

Tina mit Kopfhörern
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Silent Opera zur Premiere von „Carmen“

Premiere: 24. September 2016, Theater am Bismarckplatz

 

Was war da los:

Nach Hamlet geht das Eröffnungs-Premierenwochenende mit dem Musiktheater weiter: „Carmen“ hatte am großen Haus Premiere. Nach der wohl etwas, ahem, staubig ausgefallenen Version der Schloßfestspiele, zog es dennoch soviel Publikum ins Stadttheater, dass die Premiere ausverkauft war.

Aber um die Produktion im engeren Sinne soll es in diesem Bericht gar nicht gehen (Judith wird euch Mittwoch mit einer Produktionskritik erfreuen). Nicht, weil wir jetzt ein „Carmen“-Trauma haben, sondern weil heute noch etwas lief, was so in der Art am Stadttheater Regensburg bisher einzigartig ist und wir das deshalb unbedingt mitmachen wollten: die Silent Opera, die wohl besser Kopfhöreroper genannt worden wäre, denn stumm war sie nun wirklich nicht (und mit der Progressive Metal Band gleichen Namens hatte sie ebenfalls nix zu tun).

Man muss sich das so vorstellen: man sitzt gemütlich pizzaessend und biertrinkend auf dem Bismarckplatz bei schönem Herbstwetter, da sieht man immer mehr Leute mit gelb/schwarzen Kopfhörern rumlaufen. Zum piekfein aufgedressten Opern-Premierenpublikum gehören diese Leute in Fleecepullis und mit Kissen und Decken bewaffnet offensichtlich nicht – oder doch? Man fragt, man kriegt Antwort, man steht zehn Minuten später selber mit einem Paar Kopfhörer auf dem Platz. Ausprobieren. Kost‘ ja nix. Zwei Monitore sind auch aufgebaut, falls man die Handlung auch visuell verfolgen möchte. Sehr viel zu sehen bekommt man an diesem Abend zwar nicht – Kabelprobleme – aber dennoch ist die Stimmung auf dem Bismarckplatz hervorragend, der Sound hält, das Wetter auch.

Drinnen gediegen, draussen Party

Intendant Jens Neundorff von Enzberg überzeugt sich vom Konzept der Kopfhöreroper.
Intendant Jens Neundorff von Enzberg überzeugt sich vom Konzept der Kopfhöreroper.

Denn während drinnen die typisch bürgerliche Rezeptionshaltung nach wie vor das Kunstereignis in den Vordergrund stellt, ist hier draußen mehr so Oper für alle. Familien, ältere Pärchen, Kumpels mit und ohne Bier. Alle mit Kopfhörer, alle also mit mindestens einem Ohr bei dem, was drinnen vor sich geht. 82 ausgeliehene Kopfhörer werden es nach anderthalb Stunden Opernlaufzeit bereits sein, davon einige von zufällig vorbeikommenden Passanten, die mal ein bisschen reinhören wollen. Wer bisher noch nicht wusste, wie man grad im Musiktheater die gefühlte Angst und die Zugangsschwelle zu „Hochkultur“, „bürgerlichem Statussymbol“ und „mitunter schwer eingängiger Musik“ abbauen kann, hätte heute abend am Bismarckplatz vorbeischauen sollen. Ganz vorne sitzt ein Vater mit etwa fünfjährigem Kind, die erst ein Eis essen und ein bisschen mitwippen, und dann nach einer Stunde etwa gut gelaunt aufstehen und heimschlendern; insgesamt sind es mehr als vier Familien, die hier zuhören. Mein eigener Experte des Kindseins hat nach anderthalb Stunden genug, aber singt auf dem Rückweg nach Hause inbrünstig alle Gassenhauer-Melodien aus dem Stück, die bis dahin vorkamen. Diese Kids hätte die Oper als Medium nie oder erst viel später erreicht, wäre sie nicht von selbst nach draussen gekommen: weil man für sein Kind keine 50€-Opernkarte bezahlt, wenn es nach 10min vielleicht keine Lust mehr hat. Weil man nicht riskieren will, dass das Kind die älteren Abonnenten stört. Weil man sich den Stress einfach nicht geben will. Aber Nachwuchsförderung beim Publikum, das hat die Oper noch vor allen anderen Sparten am Theater kapiert, ist so immens wichtig. Schon alleine, weil einem ja das Publikum sonst wegstirbt.

Die Kritik ist bekannt: Oper zweiter Klasse?

So experimentierfreudig, wie sich Stadttheater mittlerweile im Ausprobieren solcher Formate geben, so eingeführt ist auch die Kritik daran. Sie lautet: wenn drinnen die gutbetuchten zahlenden Gäste sitzen, und draußen der nichtzahlende, streamguckende Pöbel, haben wir dann eine Zweiklassenoper? Ja. Und nein. Denn so fühlt sich das nicht an. Es fühlt sich nicht an nach Abgespeist-werden oder nach Resteverwertung. Es fühlt sich allerdings auch nicht an wie Oper. Mehr so wie netter Abend mit Freunden, man kommt mit seinen Sitznachbarn ins Gespräch, überlegt wie man das Format noch optimieren könnte, redet über den letzten Opernbesuch, bietet was vom Lebkuchen an, den man dabeihat, und nebenbei läuft Carmen. Das ist natürlich nicht mehr der konzentrierte Operngenuß. Aber es ist um ein vielfaches besser, als einen gutbesuchten Platz zu haben mit einem gigantischen Klotz von Haus, bei dem man draußen nie mitkriegt, was drinnen vor sich geht. Ich wünsche mir oft eine transparentere Institution Theater – hier war sie punktuell zu sehen. Also, zu hören.

Schwellenabbau versus Qualität

Ein zweiter Kritikpunkt, der bei solchen Experimenten oft geäussert wird, und den ich sogar nachvollziehen kann, ist der der Qualität. Natürlich sieht eine Oper von draussen nicht so aus wie die Oper von drinnen. Das Surround-Erlebnis von Klang und visuellem Eindruck gibts halt nicht. Dazu muss man reingehen. Und eine Karte kaufen. Aber es gibt mannigfaltige Gründe, das nicht zu tun und nur einer davon ist ein ökonomischer. Was nichts kostet, hat hier an diesem Abend einen immensen Wert, und der liegt in der Zwanglosigkeit. Eben WEIL es nichts kostet, kann ichs ausprobieren: Komm wir bleiben kurz stehen, nur eine Minute. Oh, das ist ja doch gar nicht übel. Fünf Minuten, na gut, setzen wir uns mal kurz hin. 15 Minuten, hey das Lied kenn ich doch! 20 Minuten, wildes Mit-den-Armen-Gefuchtel beim Mitsummen. 25 Minuten, jetzt wirds aber langsam doch ganz schön kalt am Po. 30 Minuten, das erzähl ich allen meinen Freunden, das machen wir das nächste Mal alle zusammen, das wird lustig. Auch so kommt Theater „nach draußen“, baut Schwellen ab, erreicht Leute, die es sonst nicht erreicht und öffnet sich so gegenüber der Stadtgesellschaft. Ganz getreu dem Spielzeitmotto „Anfreunden“, kann man hier stressfrei rausfinden, ob man sich mit Oper generell und mit Carmen speziell anfreunden kann.

Das Angebot des Theater Regensburgs, das am heutigen Abend so rege angenommen wurde zeigt, dass es einen Wunsch nach genau dieser Durchlässigkeit des Theaters gibt. Es hat brutal Spaß gemacht (ich mein, wann kann man das von Oper schon mal behaupten?) und es bleibt zu wünschen, dass die Kopfhöreroper nicht das einzige Experiment in diese Richtung bleiben wird. Aber dem Vernehmen nach probiert das Theater Regensburg diese Spielzeit so Einiges aus.

Wir sind dafür.

PS: eine Anregung wäre da noch. Auf der Theater-FB-Seite konnte ich zwar nachlesen, wer wen liebt und was eigentlich Carmens Problem ist. Ein genaueres Play-by-Play, was ich da jetzt eigentlich höre, und was eigentlich konkret grade los ist, hätte mir aber doch gefallen. Schon alleine, weil mir draußen die Übertitel gefehlt haben. Auf Twitter kann man solche kurzen Infoschnipsel gut unterbringen – das kann man auf dem Platz auch gut mitverfolgen, weil einen da ja keiner anzischt, wenn man das Handy aus der Tasche holt.