BayTT16 – „Der Märchenwald schlägt zurück“ & „Situation mit Doppelgänger“ & „Albert Herring“

Tina Lorenz und Judith Werner von Samt&Selters, fotografiert von Thomas Holzmann
Tina Lorenz und Judith Werner von Samt&Selters, fotografiert von Thomas Holzmann
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Der Märchenwald schlägt zurück

Märchenprojekt des 1. Jahrgangs Schauspiel
Theaterakademie August EverdingRegie: David Shiner – Musik: Friedrich Rauchbauer – Gesang/Stimme: Anna Zackl – Mit: Thekla Hartmann, Lena Hilsdorf, Clara Liepsch, Karolina Nägele, Peter Blum, Moritz Borrmann, Philip Ceglarski, Leon Haller, Yannik Stöbener

Rezension von Tina

 

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Als Jens Neundorff von Enzberg bei der Eröffnung der Theatertage bemerkte, es handele sich unter anderem auch um eine Leistungsschau, muss er die Theaterakademie August Everding im Hinterkopf gehabt haben. Diese schickte heute früh ihre 1. Klasse Schauspiel ins Rennen mit einem Projekt, das vermutlich als Jahrgangsabschlußschau intendiert ist oder zumindest diesen Eindruck vermittelte. Unterhaltsam und mit viel schauspielschülertypischem Quatsch garniert exerzierten die Eleven durch, was sie in einem Jahr Akademie gelernt haben: unter anderem chorisches Sprechen, Singen mit Klavierbegleitung allein und mehrstimmig im Chor, tanzen und Körperarbeit. Und da offenbar die Grundlagen noch kein tiefes Spiel erlauben (was ja bei SchülerInnen, zumal im ersten Jahrgang, erwartbar ist), machte man aus der Not eine Tugend und breitete einen bunten Teppich an Märchen-Karikaturen aus, die alle drüber waren bis zur Penetranz. Dramaturgisch wäre hier natürlich noch einiges abzuholen gewesen, aber ein rundes Stück zu präsentieren war ganz offensichtlich nicht die Absicht – stattdessen stand das Handwerk im Mittelpunkt loser Szenen über mehr oder weniger Märchenhaftes. So hatten wir eine Stunde lang die Möglichkeit, werdenden Schauspielern beim Abliefern eines absolut respektablen Leistungsstandes zuzusehen. Sehr spannend zu sehen, dass gutes Schauspiel nicht aus der Luft entsteht, sondern Ergebnis umfassender Ausbildung und harter Arbeit ist, in der es auch Entwicklungen und Zwischenstände gibt.

#HashtagSweeteBoysAbschleppen #SüßesKüßchen #RotkäppchenIstEineZarteBlume

Situation mit Doppelgänger

Tanzperformance von und mit Julian Warner und Oliver Zahn
Theaterakademie August EverdingRegie: Julian Warner und Oliver Zahn – Tanzcoaching: Quindell Orton – Stimme: Tinka Kleffner

Rezension von Tina

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von links: Julian Warner, Oliver Zahn.

Weiter gehts mit der Theaterakademie August Everding, genauer gesagt mit dem Diplomprojekt des Regieabsolventen Oliver Zahn. Er und sein Dramaturg, der Kulturanthropologe Julian Warner, haben einen Abend geschaffen, der durch die Stärke seiner Geschichte und die Schlichtheit seiner Mittel besticht. Ein weisser und ein schwarzer Mann stehen auf der leeren Bühne im Jungen Theater. Sie tanzen Schuhplattler. Dazu erfahren wir im voice-over die Geschichte aus Kürn 2015, als Barack Obama im Rahmen des G7 Gipfels in Deutschland war, und einer traditionellen bayerischen Schuhplattlerdarbietung beiwohnte. Deutschland repräsentierte sich hier international völlig realitätsfern als weisses Land, denn der amerikanische Präsident war der einzige Nicht-Weisse auf der Veranstaltung. Eine andere Geschichte, erzählt gleich darauf, berichtet von einer Gruppe Afroamerikanern und Afrodeutschen, die auf einer Bühne den Schuhplattler tanzen, zur Belustigung eines weissen Publikums in Deutschland.

Zahn und Warner verstehen es, mit dem Gegenstand des Tanzes einen narrativen Bogen zu schlagen, der sich mit fundamentalen Fragen beschäftigt: es geht um Macht, Normativität, Rassismus und die Privilegien des Ausdrucks, die daraus auf der einen Seite entstehen, und um Unterdrückung, und der Notwendigkeit, sich Freiräume zu schaffen und diese behaupten zu können auf der anderen Seite. Es geht auch um Appropriation, also hier um die Aneignung und Inbesitznahme tänzerischer Praktiken ohne die Reflektion des Ursprungs und dessen soziokulturellen Konnotationen. Zum Beispiel beim Twerken, einer Tanztechnik, deren Ursprung eng mit dem Ausdruck und dem Selbstverständnis der schwarzen LGBTQ-Szene in New Orleans verwoben ist, und die mittlerweile, weggeführt aus dem ursprünglichen Kontext, nun in Fitnessstudios in Deutschland weissen Hausfrauen beigebracht wird.

In 55 Minuten erfahren wir also schlaglichtartig eine Kulturgeschichte des Tanzes als Mittel der Behauptung, und als rassistische Praxis. Zahn und Warner verweben die Geschichten immer wieder mit den Tänzen, in denen es in den von ihnen ausgewählten Beispielen geht. Die Bewegungen sind präzise auf die erzählten Geschichten abgestimmt und bestechen durch ihre plakative Klarheit – umso respektabler, da Zahn und Warner ja keine Tänzer sind.

„Situation mit Doppelgänger“ ist der mit Abstand komplexeste und anspruchsvollste Abend der Bayerischen Theatertage bisher. Endlich politisches Theater! Endlich Theater, in dem man auch mal denken muss! Das sich traut, Haltung zu haben und eine Botschaft. Und an diesem Abend bekommt auch die bayerntümelnde Ausstattung der Theatertage, die blau-weissen Rauten, die Lederhosen und Dirndl überall, einen ordentlichen Seitenhieb mit. Wir müssen uns fragen, was performen wir da eigentlich, welches normative Maß legen wir hier eigentlich an, und wen machen wir damit sicht- und wen unsichtbar, wen schließen wir aus? Wildes Bayern, indeed.

Albert Herring

Benjamin Britten (Musik), Eric Crozier (Libretto, frei nach einer Novelle von Guy de Maupassant)
Opernstudio der Bayerischen Staatsoper, MünchenMusikalische Leitung: Oksana Lyniv
Regie: Róbert Alföldi – Bühne: Ildikó Tihanyi – Kostüme: Fruzsina Nagy – Dramaturgie: Rainer Karlitschek – Mit: Miranda Keys, Marzia Marzo, Ann-Katrin Naidu, Anna Rajah, Leela Subramaniam, John Carpenter, Johannes Kammler, Joshua Owen Mills, Petr Nekoranec, Igor Tsarkov, Deniz Uzun

Rezension von Judith

 

ALBERT HERRING Bayerische Staatsoper ©Wilfried Hösl
ALBERT HERRING Bayerische Staatsoper ©Wilfried Hösl

Kommen ein Priester, ein Bürgermeister und ein Polizeichef in eine Kneipe… So oder ähnlich fangen oft schlecht Witze an, über die man dann maximal milde lächeln kann. Ganz anders im Fall von Benjamin Brittens Oper Albert Herring: Zwar treten die Genannten hier auch auf, dümmlich-lachhaft wird es in den darauffolgenden zweieinhalb stunden Kammeroper jedoch nie. Mit wohlkonzeptionierten Figuren und Leichtigkeit wird die Geschichte von Albert erzählt, einem allzu braven Jungen in der besten coming-of-age-Phase. Als ihm eine Auszeichnung für seine Tugend verliehen wird, beschließt er kurzerhand (und unter unbeabsichtigtem Alkoholeinfluss) auszubrechen. Lass die Sau raus, Albert – das Leben kurz. Dass dieser gesellschaftliche Tabubruch etwas zahm daherkommt – geschenkt. Das Libretto von Eric Cozier steckt dafür voller feinsinniger Ironie, die die gesellschaftliche Prüderie anprangert ohne dabei vulgär zu werden. Benjamin Brittens Komposition ist dabei deutlich komplexer als es die Unbeschwertheit vermuten ließe, mit der sie das jugendliche Ensemble, das die Bayerische Staatsoper nach Regensburg geschickt hat, darbietet. Miranda Keys als Lady Billows – die Etikette in persona – ist physisch und gesanglich eine schiere Wucht. Protagonist Petr Nekoranec überzeugt nicht nur stimmlich, sondern auch schauspielerisch: Nie wurden verführerische Äpfel trotz fehlender Eva nebst Schlange sündiger verzehrt. Der Inszenierung unter der Regie von Róbert Alföldi gelingt, es die Oper, die 1947 uraufgeführt wurde, in ihrem historischen Kontext zu belassen und ihr doch Aktualität zu verleihen. Wenn Albert im keuschen Schleier und bekränzt die Treppe herabschreitet, dann wird die Absurdität tradierter Geschlechterrollen und die seltsame Festlichkeit diverser Sitten und Gebräuche mit Händen greifbar. Dabei brauchen Ildikó Tihanyi (Bühne) und Fruzsina Nagy (Kostüm) – in erfreulichem Gegensatz zu so manch anderen Produktionen, die während dieser Bayerischen Theatertage bisher zu sehen waren – keine Spezialeffekte, Gimmicks oder Pyrotechnik. Ergänzt wird die Leistung auf der Bühne von einer ebenso ambitionierten und engagierten Darbietung aus dem Orchestergraben, glänzend dirigiert von Oksana Lyniv. Britten war übrigens ein begeisterter Anhänger des musikalischen Zitats. Heute heißt sowas Sampling und dafür muss man dieser Tage das Bundesverfassungsgericht bemühen. Nicht mal in dieser Hinsicht liess sich etwas Angestaubtes ausmachen, was das Publikum lautstark zu würdigen wusste: Ein erfrischend frisches Opernerlebnis mit jeder Menge Obstsalat.

#FruitNinjaonStage #KöstlicheLimonade #Melonenweitwurf